Von Nina Grunenberg

Wiesbaden, im November

Die ersten vier Sitzreihen unter dem Podium in der Rhein-Main-Halle waren für Gäste der Kategorie "very important" und "namentlich zu nennen" reserviert. An der Spitze der Grußliste rangierten die Diplomaten. Daß von den acht Botschaftern, die den Liberalen und ihrem Vorsitzenden, Außenminister Walter Scheel, in Wiesbaden die Ehre gaben, derjenige aus Griechenland als erster von allen willkommen geheißen wurde (vor Großbritannien, Indonesien, Japan, Jugoslawien, Österreich, Polen, Schweden), war formal nur die Schuld der alphabetischen Reihenfolge. Aber komisch nahm sich doch aus, daß die liberale Flagge eingezogen blieb, solange die diplomatische gehißt wurde. Am folgenden Tag gaben dann auch 50 Delegierte (von insgesamt 400) zu Protokoll, das Parteitagspräsidium habe mit der Einladung an den griechischen Botschafter ihre "demokratische Sensibilität" mißachtet.

Anders bei der Begrüßung der Verteter "relevanter" Gruppen: Hier galt nicht das Alphabet, sondern eine selbstgewählte Ordnung, mit der anscheinend liberale Herzlichkeitsränge diplomatisch angedeutet werden sollten. Als erster wurde Werner Nachmann vom Zentralrat der Juden in Deutschland genannt, an zweiter Stelle Otto A. Friedrich als Präsident der Arbeitgeberverbände, an fünfter DGB-Chef Heinz A. Vetter – angemeldet war er, persönlich erschienen dann aber doch nicht – und an 29. und letzter Stelle Egon Schwartz, der Präsident der Sudetendeutschen Landsmannschaft.

Zum Vergleich: Auf dem letzten Parteitag der FDP in Freiburg, kurz vor der Bundestagswahl, in der Stunde der Not, hatte nur ein Botschafter zu den Liberalen gehalten: der Schwede Sven Backlund; und die Persönlichkeiten aus der Industrie wollten sich damals! mit der FDP nicht gemein machen. Vor einem Jahr um diese Zeit, so erinnern sich manche, lief die aus Industriegeldern finanzierte Kampagne gegen die sozialliberale Koalition auf vollen Touren. Heute aber ist die FDP wieder chic. Und so mancher robbt sich wieder an die Partei heran. Halb erschreckt und fast empört ruft ein junger Delegierter ins Plenum: "Die Gräber öffnen sich, die Toten kommen wieder."

Die meisten Delegierten indes genießen es aber, daß soviel Prominenz der FDP ihre Reverenz entbietet. Und wenn sie sehen, wie vorn auf dem Podium Hans-Dietrich Genscher den Beifall zu schlürfen versteht, dann schlürfen auch linkere Liberale im Geiste noch mit. Ein Parteitag der Selbstgefälligkeit? Werner Maihofer winkt ab. Auch wenn er selber in Wiesbaden nicht ganz froh werden kann, redet er sich und den Delegierten gut zu: "Nutzt den vorübergehenden Sonnenschein, es wird noch schweres Wetter geben."

Den Jungdemokraten und den Linken sind offensichtlich schon alle Zähne gezogen. Sie bellen zwar noch, aber sie beißen nicht mehr. Das-Papier zur "Trennung von Kirche und Staat" hätten sie gern zur Profilierung benutzt, aber die Kräfte reichen nicht aus. Statt dessen machen sie Scherze wie in einer Abiturientenzeitung und veralbern die Prominenz der Partei in einer "Scheeischen Qualitätsweinliste". Für Liselotte Funcke gibt es einen "Kirchenhaimer Funckenflug, Liselottes Herrgottsacker, abgerundet fromm", für Otto Graf Lambsdorff "Lambsdorffer Goldesel, Kienbaums Rache, gräflicher Herrenwingert".. Als Nummer eins wird "Maihofers Dispositionströpfchen" empfohlen, "excellent trockener Traumtrunk".