Von Dieter E. Zimmer

Wie allseits bestens bekannt, hat (mit dem Klappentext zu sprechen) die kapitalistische Gesellschaft Liebesbeziehungen in Tauschbeziehungen verwandelt. Schon Marx hatte es ja gewußt: „Die Bourgeoisie hat dem Familienverhältnis seinen rührend-sentimentalen Schleier abgerissen und es auf ein reines Geldverhältnis zurückgeführt.“ Sieht also der vom Kapitalismus zerrüttete Mensch, der Bürger, eine reizende Frau,, so kommt ihm nur ein Gedanke: Welchen Preis habe ich für die Nutzung ihrer Geschlechtsorgane zu zahlen? Während die Bürgerin von seinen Komplimenten zu dem komplementären Gedanken bewogen wird: Welche Zahlungen in Form von Geschenken und Versorgungsleistungen kann ich für meine „Hingabe“ verlangen? Durch Galanterien und die Anwendung von Überrumpelungsmanövern versucht er den Preis zu senken; sie versucht ihn wiederum durch Ziererei und die Anwendung von Schminke und ähnlichen Industrieprodukten zu erhöhen. Dieses Feilschen ist der Kampf der Geschlechter. Liebe ist eine Ware. Liebesverhältnisse sind Handelsbeziehungen.

Wie ebenfalls bekannt, zerfallen diese Handelsbeziehungen in zwei Untergruppen. Die eine ist die akzeptierte, ehrbare, erwünschte: die Ehe mit ihren Präliminarien. Die andere wurde in die halbkriminelle Unterwelt abgedrängt: die Prostitution. Sie nämlich offenbart den Warencharakter der Liebe zu kraß. Der Bürger liebt es dezenter. Seine Ehe tarnt den Tauschvorgang weitgehend; hier ist der Zahlungsverkehr indirekter. Klar, pervers ist beides; die Prostitution ist aber wenigstens ehrlicher.

Dieser Gedanke (eine jener einschüchternd verabsolutierten Teilwahrheiten, die sich dadurch empfehlen, daß sie die Illusion erzeugen, eine Sache illusionslos zu durchschauen) kam nun auch der Schriftstellerin Renate Rasp, die 1967 mit dem Roman „Ein ungeratener Sohn“ den Erziehungsterror karikierte, die 1969 in der Gedichtsammlung „Eine Rennstrecke“ einem lüsternen Körperekel Ausdruck gab, die durch das barbubusige öffentliche Verlesen dieser Gedichte Verwunderung erregte und jetzt eine neue Satire – wie heißt das? – „auf den Markt wirft“ –

Renate Rasp: „Chinchilla – Leitfaden zur praktischen Ausübung“; das neue buch 39, Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek, 1973; 85 S., 6,– DM.

Der Beruf, zu dessen praktischer Ausübung hier angeleitet wird, heißt im Volksmund die „Anschaffe“, der „horizontale Finanzausgleich“, das „liegende Gewerbe“, kurz, es ist die Prostitution. Und der Witz besteht darin, daß gerade er, sonst Objekt der lüsternen Verachtung des Bürgers, hier zum Gegenstand betulich-tantenhafter Ratschläge gemacht wird: die Unterwelt als das Ehrlichere, Normalere hingestellt, um dem respektierten Liebeshandel der Oberwelt, die von ihr geneppt wird, eines auszuwischen.

Hat der Leser das aber einmal begriffen, und der eine hat es nach drei Sätzen, der andere nach drei Seiten, so geht dem Buch der Witz auch schon aus.

Wozu ist es dann noch nütze? Als wirklicher Leitfaden für angehende Huren läßt es zu wünschen übrig; denn es ist keineswegs. „komplett“ und „gebrauchsfertig“, sondern sprang- und lückenhaft und wirr angeordnet. Selten nur spitzen sich seine Ratschläge zu Pointen zu: „Er (der Stammfreier) vertraut Ihnen sogar über Jahre hinaus, daß nämlich Sie es sind, die ihn, wenn es an der Zeit ist, die Beziehung zu erschlaffen droht, mit einer annehmbaren Geschichte verlassen, damit er sich nach einer andren Frau umsehn kann.“ Ebensooft verknäuelt sich der Leitfaden: „Die Erlaubnis, Ihren Körper zu berühren, seine ungelenken Finger dorthin zu bewegen, wo er gerne, möchte, was, wie er sich vorstellt, Ihnen ebenfalls Vergnügen machen könnte, erteilen Sie ihm nur, wenn er zuvor ins Portemonnaie gegriffen hat.“ Solche Unbeholfenheiten deuten darauf hin, daß diese Satire schneller geschrieben als gedacht wurde. Möglicherweise ergiebige Parallelen wie die zwischen dem ambulanten Gewerbe und der ärztlichen Ambulanz, zwischen Prostitution und Schriftstellerei – sie werden angedeutet, aber nicht verfolgt. Und da die Wahrheit, die Renate Rasp in ihren Leitfaden erst hineinsteckt und dann von ihm dekouvrieren läßt, eben nur eine Teilwahrheit ist und die Prostitution als Metapher für gesellschaftliche Beziehungen von begrenztem Wert, kann jeder die Satire für eine Nachricht aus der schlechten Welt da draußen halten, die er mit leichtem voyeurhaften Amüsement zur Kenntnis nimmt und die mit seinem tatsächlichen Leben so gut wie nichts zu schaffen hat.