ARD, Donnerstag, 8. November: „Hochschulreform auf dem Prüfstand“, Leitung Peter Merseburger

Das Hearing begann ohne den Kronzeugen: Wissenschaftsminister Klaus von Dohnanyi mußte auf sich warten lassen, weil sein: Maschine nicht rechtzeitig auf die Rollbahn kam. Dabei war er die Hauptperson in dem TV-Anhörungsverfahren zum Thema Bildung, in dem es um die Inhalte seines Hochschulrahmengesetzes ging oder, anders gesagt, darum, daß „die Hochschulen im Hochwasser stehen“, wie es der Mainzer Kultusminister Bernhard Vogel formulierte.

Daraus wurde dann eine fast zweistündige Mammut-Show, die der Moderator und NDR-Chefredakteur Peter Merseburger zum Schluß mit ungewohntem Understatement als einen „Versuch“ verkaufte. So viel Bescheidenheit war denn doch nicht angebracht, obwohl die Sendung entschieden unter drei Mängeln litt, die die Vermutung nahelegen, daß diese Diskussion über die Köpfe des Massenpublikums vom Ersten Programm hinweggegangen ist.

Erstens nämlich hatte Merseburger mit 25 Diskutanten einfach zu viele Teilnehmer eingeladen, unter ihnen vier Minister, vier Universitätspräsidenten und Vertreter der meisten relevanten Hochschulgruppen (nur einen Vertreter der FDP habe ich nicht entdeckt). Bei rund hundert Minuten Sendezeit und acht Themen macht das rein rechnerisch pro Kopf eine halbe Minute Redezeit je Thema. Dabei kann Substantielles kaum herauskommen, und das kam an diesem Abend auch nicht heraus. Jeder Redner steuerte nur ein mehr oder weniger vorher formuliertes Statement bei, sprach gestanzte Redensarten und lieferte brav seinen Spruch ab. Nicht ein einziges Mal wurde daraus eine in die Tiefe gehende Erörterung, in der die bekannten Fronten zumindest punktuell hätten durchbrochen werden können.

Zweitens wollte Merseburger anscheinend mit einer Sendung die gesamte Hochschulpolitik in die Bürgerstuben liefern. Bescheidung auf ein oder zwei Komplexe hätte wirklich nahegelegen, aber nein, nahezu, alle kontroversen inhaltlichen Probleme der Hochschulreform kamen auf den Tisch und in den Kanal: Regelstudienzeit, Personalstruktur, akademisches Proletariat, Gesamthochschule – und einiges mehr. Zusammen mit der Vielzahl der Eingeladenen mußte diese Themenfülle den Trend der Diskussion zur Oberflächlichkeit und zum normierten Gerede verstärken.

Drittens hat Merseburger zwar zu Recht den ersten erfolgreichen Versuch mit einem Anhörverfahren im Dritten Programm jetzt im Ersten wiederholt, und diesem Mut zum Experiment kann man nicht genug applaudieren. Aber: die bloße formale Übernahme, das nur minimal modifizierte Nachstellen einer Sendung aus dem Dritten Programm im Ersten erscheint mir zuwenig. Hier hätten die Interessen der Zuschauer besser berücksichtigt werden können – zum Beispiel nur dadurch, daß ein kompetenter neutraler Fachmann die schwierige Bildungsterminologie zuschauergerecht übersetzt hätte. Was etwa eine integrierte Gesamthochschule ist, dies zu wissen, hätte nicht nur den Profis vor den Bildschirmen vorbehalten bleiben dürfen.

Dennoch war es nach fast zwei Stunden Und nach einem recht verunglückten Einstieg schließlich eine erträgliche und streckenweise sogar erfreuliche Sendung. Und das lag wohl vor allem daran, daß alle Diskutierenden es vermieden, die live gesendete Debatte zum bildungspolitischen Grabenkrieg ausarten zu lassen. Glücklicherweise unterblieb das, abgesehen von einigen frischfröhlichen Frotzeleien zwischen Links und Rechts, zwischen Minister und Student, die freilich eher die Funktion von Lockerungsübungen hatten. Im allgemeinen übten die Teilnehmer Disziplin und hielten sich durchweg an die vereinbarte Redezeit von eineinhalb Minuten. Dadurch bekam das Gespräch einen lebendigen Dialog und auch einen formalen drive, der den Abend zumindest für den mit der Materie vertrauten Zuschauer selten langweilig werden ließ. Wer von einem solchen Mammutprogramm nicht zuviel erwartete, wurde nicht enttäuscht.

Hayo Matthiesen