Die Fusion zwischen Alusuisse und Lonza überraschte die Branchenkenner

Ob’s ein Setzerlehrling war, der sich mit den Inseraten und Prospekten herumschlug, oder ein Generaldirektor – darüber rätselt wieder einmal die Schweizer Wirtschafts- und Finanzwelt, Denn einer (und nicht mir einer) hat über die Fusionspläne von zwei der größten Unternehmen – Alusuisse und Lonza – Bescheid gewußt und mit „Insider“-Börsengeschäften kräftig Rahm abgeschöpft: genau so viel, daß am Tag der Eheverkündung der Lonza-Kurs exakt dem Tauschangebot der Leichtmetaller entsprach.

Doch nicht nur darüber wundert sich die eidgenössische Fachwelt. Der Firmenverbund selbst gibt schon genug Rätsel auf. Denn die beiden Fusionsfirmen passen eigentlich gar nicht zusammen. Und ob es mit dem Zusammenschluß wirklich so eilte, daß Lonza-Chef. Engi von „jetzt oder nie“ sprechen konnte, steht auch höchstens in den Sternen gut eidgenössischer Firmengeheimniskrämerei geschrieben. Bis vor kurzem jedenfalls hatte Lonza – vierter im Bunde der Baseler Chemie – noch jeden Fusionsgedanken kategorisch von sich gewiesen.

Die Übernahme durch einen der besten Lonza-Kunden hätte sich dagegen eher angeboten: durch Hoffmann-La Roche, seit Jahren im Gespräch, durch Ciba-Geigy oder Sandoz, die zusammen mit einer Großbank rund 20 Prozent des Lonza-Kapitals besitzen. Doch mit dem Fabrikations-Programm hätten sich für diese Riesen 24 wenig Berührungspunkte ergeben, weil sie bei der Beschaffung ihrer Roh- und Zwischenprodukte wichtigster Sektor der Lonza-Chemiker – eigene Wege gingen.

Mit der Lupe muß man allerdings auch Berührungspunkte beim Chemie/Metall-Pakt suchen. In der Elektrizitätswirtschaft haben die Unternehmen bisher zusammengearbeitet. Doch allenfalls fünf Prozent ihres Umsatzes von über zwei Milliarden Schweizer Franken entfallen bei Alusuisse auf Chemie- und Kunststoffprodukte. Den Grund für das Anknüpfen zarter Bande findet man eher in den Büchern und Bilanzen.

Die Alusuisse, einer der größten Leichtmetallkonzerne der Welt, hatte in den letzten Jahren wenig Fortüne. Verwaltungsratspräsident Emanuel Meyer gesteht es ein. Immerhin geht es nicht mehr „hundsmiserabel“, wie er unlängst – mit einer für schweizerische Firmenbosse bemerkenswerten Offenheit – sagte, sondern nur noch „miserabel“. So büßte der Aluminiumfabrikant mit rund 25 000 Beschäftigten dafür, daß er auf nur einem Bein steht. Die Alu-Preise waren drastisch gefallen – und damit der Konzerngewinn von 129 Millionen Franken im Jahre 1970 auf 52 Millionen in der letzten Rechnungsperiode. Kommt hinzu, daß die Zürcher sich mit dem australischen Abenteuer – kurzfristig betrachtet – wohl übernommen haben. Zwar können dank der enormen Investitionen im nordaustralischen Gove heute jährlich rund eine Million Tonnen Bauxit-Tonerde geschürft werden und Alusuisse darf sich hinsichtlich der Rohstoffversorgung stolz autonom nennen, doch der Verschuldungsgrad – die Eigenmittel betragen nur knapp 40 Prozent der Bilanzsumme – ist für Schweizer Verhältnisse relativ hoch. Teure Umweltschutzinvestitionen dürften die Kostenseite noch mehr belasten.

Ganz anders ist die Situation bei Lonza. Jürg Engi, renommierter Schweizer „Firmendoktor“, hat den mit einem Jahresumsatz von über 500 Millionen Franken kleinsten unter den Großen der Baseler Chemie nach langem Siechtum und argen Fehlschlägen auf die Beine gestellt: Das Produktionsprogramm umfaßt Chemikalien, Kunststoffe, anorganische Produkte, Düngemittel und Elektrizität. Seit Engi das Lonza-Zepter führt, betragen die jährlichen Wachstumsriten zwischen zehn und 20 Prozent und der von den 5500 Beschäftigten erarbeitete Gewinn geschätzte 40 bis 50 Millionen Franken. Doch das Bett, in dem produziert und verdient wird, sei zu klein, meint Engi. Im Walliser Bergtal seien die Expansionsmöglichkeiten beschränkt; man müsse näher ans Meer, das heißt an die Standorte petrochemischer Werke heran, die den Rohstoff für die Lonza-Produkte liefern.