Die Verstaatlichung des Getreidehandels erweist sich als schwerer Fehlschlag

Die Not macht in Indien aus Dogmatikern wieder Pragmatiker – jedenfalls innerhalb der Regierung Indira Gandhis und der sie tragenden Kongreßpartei. Zwei Jahre hatte die Kongreßpartei der Bevölkerung weiszumachen versucht, ohne eine Verstaatlichung des Getreidegroßhandels und des Verteilungsnetzes könne die indische Nahrungsmittelwirtschaft nicht leistungsfähig arbeiten. Vertreter des linken Parteiflügels gingen sogar soweit, die Verstaatlichung des gesamten Groß- und Einzelhandels zu fordern. Nachdem ihr Programm vom diesjährigen Parteitag gebilligt worden war, beschloß die Regierung als ersten Schritt die Verstaatlichung des Weizengroßhandels. Die Verstaatlichung des Reishandels sollte jetzt folgen.

Doch nicht nur die Händler leisteten Widerstand sondern auch die Bauern. Die Regierung konnte nur 4,3 statt der erwarteten 5 Millionen Tonnen Weizen von ihnen erwerben. Die Dürre führte darüberhinaus zu einem Getreidemangel. Die Regierung, die lange die Notwendigkeit von Importen geleugnet hatte, mußte sich auf dem Weltmarkt nach Weizenlieferanten umsehen.

Doch inzwischen hatten die Sowjetunion und China in den USA große Mengen aufgekauft, so daß Indien nur noch mit Mühe und Not zwei Millionen Tonnen ergattern konnte – dazu auch noch zu einem sehr hohen Preis. Nach langem Betteln ließen sich schließlich die Freunde in Moskau zur Lieferung von weiteren zwei Millionen Tonnen Weizen bewegen. Der Weizen muß allerdings von Indien innerhalb von zwei bis fünf Jahren – je nach Lage der indischen Ernte – in natura zurückgegeben werden. Bis dahin muß ein kommerzieller Zinssatz an die Sowjetunion gezahlt werden. Die Frachtkosten gehen ebenfalls zu Lasten Indiens – ein Geschäft wie unter Bauern im gleichen Dorf.

Die Tatsache, daß das Verstaatlichungsprogramm nicht auf Reis ausgedehnt wurde, zeigt, daß trotz aller offiziellen Beteuerungen der Regierung selbst Zweifel am Sinn des Verstaatlichungsprogramms gekommen sind, zumal es weder ein effektives Aufkauf- noch Verteilungssystem gibt.

Das Lehrgeld war hoch. Da es keine ausreichenden Lagerbestände gab, mußten die Regionen, in denen Knappheit herrschte, mit dem in weit entfernten Gebieten erworbenem Weizen versorgt werden. Doch die Transportmöglichkeiten reichten nicht aus. Die meisten Fair Price Shops (Geschäfte, mit von der Regierung fixierten Rationspreisen) konnten nicht versorgt werden. In Städten wie Bombay, Bangalore und Poona kam es zu Plünderungen und Tumulten.

Die reichen und mittelgroßen Bauern hielten ihre Bestände zurück, da die Preise, die von den staatlichen Aufkaufagenturen geboten wurden, weit niedriger waren als auf dem freien Markt. Die Unionsstaaten, in denen Weizen produziert wird, lockten die Bauern zwar mit einem Bonus, um sie zum Verkauf ihrer Bestände an die staatlichen Agenturen zu bewegen, doch die Bauern argumentierten, daß die Regierung ruhig einen höheren Preis zahlen solle, da sie doch offensichtlich in der Lage sei, zu hohen Preisen und zudem in harter Währung Getreide aus dem Ausland zu importieren.