Von Hansjakob Stehle

Ein Putsch ist schlimm, doch manchmal unvermeidlich. Ein antikommunistischer wäre einem kommunistischen jedenfalls vorzuziehen.“ So sprach Giorgio Almirante mit artigem Augenaufschlag, das Whiskyglas in der Hand. In der barocken Pracht eines römischen Palazzo, der Privatwohnung eines – früher christdemokratischen – italienischen Diplomaten, wirkte der Parteichef der neofaschistischen „Sozialbewegung“ (MSI), der in Begleitung des ehemaligen Nato-Admirals Birindelli erschien, wie ein fürstlicher Pensionär. Dabei hatte er die ausländischen Journalisten nur deshalb zum Kamingespräch bitten lassen, um ihnen eine brisante Voraussage zu machen: Chiles Tragödie werde in Italien den Zulauf zur „nationalen Rechten“ glatt verdoppeln (das hieße bei den nächsten Wahlen 20 Prozent der Stimmen). Der ehrenwerte Kommunistenführer Berlinguer sei der gleichen Meinung. Doch, was jenen ängstige, versetze ihn, Almirante, in freudige Erwartung ...

Winkt Italiens Neofaschisten wirklich solcher Lohn der Angst? Selbst wenn Almirantes Hoffnungen übertrieben sind, so läßt doch die Konsequenz, die jetzt von der italienischen KP-Führung aus dem chilenischen Schock gezogen wird, ein fast dramatisches Bewußtsein der Gefahr erkennen. Am 12. Oktober hatte Enrico Berlinguer in der Rinascita die Bilanz der chilenischen Erfahrung für Italiens Kommunisten gezogen: Es sei „ganz illusorisch“ zu glauben, daß selbst ein 51-Prozent-Wahlsieg der Linkspartei „das Überleben und die Arbeit einer Regierung garantieren könnte, die Ausdruck dieser 51 Prozent wäre“. Deshalb liege die Sicherung der Zukunft Italiens nicht mehr in einer „linken Alternative“, sondern in dem dringend notwendigen „neuen großen historischen Kompromiß zwischen den Kräften, welche die große Mehrheit des italienischen Volkes vereinen und repräsentieren“.

Für Freund und Feind hatte Berlinguer mit dem Begriff „historischer Kompromiß“ ein Reizwort formuliert, das nun seit einem Monat die innenpolitische Szenerie Italiens so sehr beherrscht, wie es der KP-Chef wohl selbst nicht erwartet hatte. Die Abkehr von alten und neueren Volksfrontvorstellungen, die in Berlinguers These steckt, ist an sich nicht neu. Auch die Umarmungsstrategie gegenüber der „Democrazia Cristiana“ gehört seit langem zum politischen Credo der italienischen Kommunisten. Wenn die gegenwärtige Regierung der „linken Mitte“ des Christdemokraten Rumor trotz permanenter Wirtschaftskrise des Landes schon vier Monate im Sattel sitzt, hat sie es vor allem der KPI und deren Gewerkschaftlern zu danken, die sich neuerdings zu einer „andersartigen Opposition“ bekennen, das heißt: Jeden Frontalzusammenstoß vermeiden, ja sogar Verständnis für die Existenzsorgen mancher Großindustrieller zeigen!

Das eigentlich Neue an Berlinguers These, die er selbst „provozierend“ nannte, ist der deklarierte Verzicht – nicht etwa auf das Ziel einer absoluten Mehrheit, sondern auf die Hoffnung, daß schon eine knappe Majorität den „revolutionierenden“ Sprung an die Hebel der Macht erlauben könnte, ohne das Land zugleich in eine bürgerkriegsähnliche Lage zu stürzen. Nicht nur die chilenische Tragödie, auch die Erneuerung des peronistischen Nationalsozialismus in Argentinien, ist für Italiens KP-Führung ein Hinweis auf das, was ausweglose soziale und politische Polarisierung erzeugen kann. So wenig nämlich die parlamentarische Demokratie das klassenkämpferische Herz auch der italienischen Kommunisten entzücken kann, so viel hat ihr Verstand offensichtlich aus jüngsten (und auch historischen) Erfahrungen gelernt: daß zusammen mit einer Demokratie, die den Todesstoß von rechts erhält, auch die marxistische Linke untergeht.

Gilt diese Lehre jedoch auch dann, wenn eine absolute Mehrheit es der Linken erlauben könnte, „Konterrevolution“ in „Revolution“ zu verwandeln und dem „reaktionären Putsch“ durch „proletarische Diktatur“ zuvorzukommen? Berlinguer beruft sich auf Lenins Siegesrezept, das sowohl die Weisheit der Offensive wie die des Rückzugs enthalte. Aber meinte Lenin damit einen „Kompromiß“ im strengen, Sinne des Wortes? „Der Ausdruck gefällt mir nicht“, mußte sich Berlinguer von seinem Vorgänger Luigi Longo, dem Alters-Präsidenten der KPI, ausgerechnet in einem Interview für die bürgerliche Wochenzeitung Epoca bescheinigen lassen. Es war die Stimme der alten Garde, der Partisanen, der russischen und spanischen Bürgerkriegskämpfer, die noch nicht vom neumodischen Pragmatismus angekränkelt sind, Als „Zurückweichen und Verzicht auf einige grundsätzliche Werte“ könne das Wort Kompromiß ausgelegt werden, gab Longo zu bedenken. So artikulierte er die Zweifel oder Gewissensbisse, die Berlinguer in seiner Partei ausgelöst hat.

Doch indem der KPI-Chef Zwist in den eigenen Reihen, ja sogar Stimmenverluste bei den Regionalwahlen nächsten Sonntag riskierte, löste er auf der Gegenseite nicht mindere Erregung aus. Die Sozialisten, die plötzlich ihren Alptraum eines „christlich-kommunistischen Kondominiums“ näherrücken fühlten, gebärdeten sich nun – wie oft schon – als Gralshüter marxistischer Rechtgläubigkeit: Der einzige mögliche Kompromiß mit der Mitte sei in der Verfassung 1948 geschlossen worden.