Von Jürgen Lodemann

Anzuzeigen ist ein Buch, in dem sich so etwas wie eine neue Großkritiker- oder doch Großpolemiker-Generation vorstellt –

„Literaturmagazin 1 – für eine neue Literatur – gegen den spätbürgerlichen Literaturbetrieb“; das neue buch 38; Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek, 1973; 225 S., 8,– DM.

Die hierin spitz oder grob Erstochenen sind sämtlich Angehörige der vorangegangenen Rezensenten-Generation: Neben Reich-Ranicki liegen die Leichen von Horst Krüger und natürlich Joachim Kaiser und Friedrich Luft; auch Heißenbüttel und Jens sind zu beklagen, aber am meisten zerrupft werden Baumgart und Walser, der schleunigst aus Amerika zurückkehren sollte, denn inzwischen ist zu lesen: „Wie man in Ärsche so kriecht, daß es aussieht, man trete rein“; dieses Talent habe Walser in den sechziger Jahren zur Perfektion entwickelt, meint Hermann Peter Piwitt in einem auch sonst kessen Aufsatz „Klassiker der Anpassung“. Wen wundert da noch, daß nur „ausgemachte Idioten ... Horst Krüger applaudieren“. Erschrecken möchte man höchstens über das, was von Baumgart übrigbleibt: „... ist der Hamburger Reedersgatte heute noch immer Freizeit-Rezensent... und seine Sprache ist darüber so glatt wie der Frischanstrich eines Bananendampfers geworden. (Es geht hier nicht um die Person Baumgart...).“

Um was denn sonst? Wenn man mal vom Aufspießen der Großkopfeten absehen will – wem gelingt so was schon? –, dann kommen diese Jung Siegfriede immerhin auch zu einem gemeinsamen Resultat: Nimmt man nun Hartmut Langes Ausfall gegen den „Kritiker als Zirkulationsagent“ (Marx selbst schon formulierte und beschrieb diese Funktion) oder Piwitts durchaus nicht „nostalgischen Rückblick auf Großkritiker“ (diesen dummen Klappentext zitierte bereits Karsunke hämisch in „konkret“) oder auch Peter Rühmkorfs metaphernsprudelnden (pro Seite bis zu 30) Versuch, die bundesdeutsche Theatersituation begrifflich zu fassen – sie alle kommen zu dem Punkt, wo sie die Re-Etablierung der bürgerlichen Formen von Literatur, Literaturkritik und Theater feststellen, also ein allgemeines „Roll back, das nach dem Abebben der studentischen Protestbewegung einsetzte“ (Piwitt), „so wäre denn nach so viel linkem Vibrato alles wieder im Lot und das Theater als Theater neugeboren“ (Rühmkorf) oder, wiederum Piwitt: „Daß wieder erzählt’ werde, gehörte zu den ersten Erfolgsmeldungen von der sich erholenden ‚Szene‘. Nicht neue Erzählinhalte, sondern die Wiederkehr der vertrauten Formen wurde als Morgenröte begrüßt... Daß es die deutsche Gegenwartsliteratur’ charakterisierte, daß die Künstler wieder ‚Ich‘ sagen, ist die bislang letzte und dümmste Sprachregelung. Denn was heißt hier ,Gegenwartsliteratur‘? Und wer sagt hier eigentlich ,Ich‘? und aus welchen Motiven? Und was setzte Leute ins Recht, ,Ich‘ zu sagen, die von kaum mehr noch als von ihrer uninteressanten literarischen Person, ihren Bildungserlebnissen und ihrer ebenso uninteressanten, hinter Initialen neckisch verborgenen Kollegen, den H’s und Z’s... zu erzählen haben? Was hier als deutsche Gegenwartsliteratur‘ ausgegeben wird, ist eine aus den sechziger Jahren teleportierte Gespenstergesellschaft, aufgemöbelt mit einem Kick ‚Neue Sensibilität’... Allüren und Lebensgefühl des Mittelstandes vor der Politisierung und Vergesellschaftung in Sicherheit zu bringen davon lebt das Buch der Bürgermeisterstochter Karin Struck. Aus Büchern leben... Probleme literarisieren und auf die Diskussionshöhe der... ‚Suhrkampsprache‘ zu bringen, sein Ich erforschen statt die Verhältnisse...“

Doch nur neun Seiten später beschwört derselbe Piwitt jenen Künstler, der den „Boden der Tatsachen verläßt und: „Schließlich, mit unendlich traurigem Ausdruck in den Augen, hebt der Artist die Arme – und fliegt aus dem Fenster“ – was denn sonst wollte die so geschmähte Frau Struck?

Piwitts Wendung ins Poetische kommt reichlich plötzlich. Überzeugender, weil integriert in den marxistischen Ausgangspunkt, wirkt dasselbe Eintreten für die Literatur als Flugkunst oder Seilakrobatik bei Hans Christoph Buch: Zehn Seiten nach der von Piwitt geprügelten Bürgermeisterstochter nennt Genosse Buch eben jenes Tagebuch „den verzweifelten Versuch eines Arbeiterkindes, mit sich und seiner bürgerlichen Umwelt fertig zu werden“. Buch führt seine Attacken gegen eine vulgärmarxistische Literaturkritik, nämlich gegen Thesen wie „Nicht Kafka, sondern Wallraff“, wie er sie zwar nicht bei Piwitt belegt sieht, wohl aber in „konkret“ und vor allem in den Texten des „Autorenkollektivs sozialistischer Literaturwissenschaftler“ im Oberbaumverlag. So bleiben in diesem „Literaturmagazin“ weder die bürgerlichen „imperialen Wälzer“ ungeschoren noch die Wallraff- oder Werkkreisreportagen. Als hätte nicht ein Angestellter wie Helmut Creutz mit seinem „Betriebstagebuch“ für viele Arbeiter das erste Buch geschrieben, das sie seit langem zu Ende gelesen haben – obwohl es ihre Probleme „widerspiegelte“! Wenn das keine Kunst war.