Wenn die Entwicklung einer Wissenschaft nach der Anzahl, der veröffentlichten Lexika und Wörterbücher, zu beurteilen wäre, so wäre es um die, Soziologie nicht übel bestellt. Zu den wichtigsten der in den letzten Jahren erschienenen Enzyklopädien zählen die hier angezeigten drei Werke:

W. Fuchs u. a. (Hrsg.): „Lexikon zur Soziologie“; Westdeutscher Verlag, Opladen 1973; 784 S., Kt. 29,– DM, Ln. 45,– DM;

Günter Hartfiel: „Wörterbuch der Soziologie“; Kröners Taschenausgabe Bd. 410; Alfred Kröner Verlag, Stuttgart 1972; 696 S., 22,– DM;

Wilhelm Bernsdorf (Hrsg.): „Wörterbuch der Soziologie“; 2. Aufl.; Ferdinand Enke Verlag, Stuttgart 1969, 1317 S., 62,80 DM; neu bearbeitet im Fischer Taschenbuch Verlag Nr. 6131–6133, Frankfurt 1972; 3. Bde., zus. 961 S., je 5,80 DM.

90 Verfasser haben an dem „Lexikon zur Soziologie“ mitgewirkt, das als „gesellschaftswissenschaftlicher Duden“ oder als Sachwörterbuch gedacht ist. Obwohl daher alle Namen- und Personenangaben fehlen, beläuft sich die Zahl der Stichworte auf etwa 6000. Sie variieren im Umfang von vier Zeilen für „Autokratie“ oder „Verfassungswirklichkeit“ bis zu etwa zwei Seiten für „Kapitalismus“ oder „Soziologie“;

Im Vorwort wird mit Recht darauf hingewiesen, daß gerade in der Soziologie „die Begriffe verschiedener Richtungen und Schulen nicht in einer einheitlichen Art und Weise neutral umschrieben, erklärt, geschweige denn definiert werden können“. Es haben sich daher fünf Herausgeber verschiedener Orientierungen zusammengefunden. In der Tat bezeugen die Stichworte eine erhebliche Bandbreite soziologischer Ansätze.

Freilich ist die „marxistische“ oder eher „leninistische“ Richtung doch hier und da übervertreten. Im marxistischen Bereich begnügt man sich mit einer Darstellung, die zum Teil auf Marx-Zitaten aufbaut. So beläuft sich das Stichwort „Zusammensetzung des Kapitals“ auf fast: eine Spalte von Marx-Worten, für die ein sonst nirgends ausgewiesener „K. M.“ verantwortlich zeichnet. Erscheinungen der „bürgerlichen“ Welt wie etwa „bürgerliche Demokratie“, „Liberalismus“ oder „Sozialpartner“ werden marxistisch „hinterfragt“. Dagegen fehlt jede kritische Prüfung marxistischer oder leninistischer Kategorien. So wird über den „Leninismus“ (das Stichwort ist doppelt so lang wie der Beitrag „Marxismus“) einfach kritiklos referiert. Stichworte wie Trotzkismus, Stalinismus oder Bolschewismus sucht man vergebens. Zum Begriff „Totalitarismus“ heißt es lediglich, er sei „für faschistische Systeme“ verwendet, im Kalten Krieg aber auf sozialistische Systeme übertragen worden. Kein Leser käme auf die Idee, daß sich die Wirklichkeit in der Sowjetunion oder in China nicht mit deren offiziellen Ideologien deckt oder daß es dort gar Unfreiheiten oder Ungleichheiten gegeben hätte oder noch gibt.