Das Exil der von den Nazis vertriebenen Künstler, ist mit der Rückkehr nach Deutschland noch nicht zu Ende. Dies ist wichtigstes, wenn auch deprimierendes Ergebnis der Konferenz „Theater im Exil 1933 bis 1945“, die von der Berliner Akademie der Künste als Ergänzung der gleichnamigen Ausstellung einberufen worden war.

Fünf Tage lang diskutierten unter Walther Schmiedings umsichtiger – und was oft wichtiger war: taktvoller – Gesprächsleitung Schriftsteller und Schauspieler des Exils (unter ihnen Lotte Lenya, Fritz Hochwälder, Hedda Zinner, Curt Bois, Johanna Hofer-Kortner, Rudolph Spitz, Friedrich Torberg) mit Theater- und Literaturwissenschaftlern und mit Studenten. Es gerieten aneinander: Autoren und Kritiker, Theoretiker und Praktiker des Theaters, alte und junge Generation, Frauen und Männer, die erlitten haben, was es heißt, aus Heimat und Heimatsprache verbannt zu sein, mit jungen Menschen, denen die Wirklichkeit nationalsozialistischer Diktatur auf deutschem Boden Geschichte ist.

Zündstoff zuhauf. Die nach jahrzehntelanger Vernachlässigung nötige wissenschaftliche Sieherung der Spuren wird von ideologisch wendigen Jungakademikern als „neopositivistische Faktenhuberei“ geschmäht; die von Emotionen nicht freizuhaltenden Berichte derer, die überlebt haben, klingen jungen Menschen schon wie Heldensagen. Die von Walther Huder, dem Archivar der Akademie, vorbereitete Konferenz, in der Bericht und Kommentar, dokumentierende Erzählung und Analyse einander ergänzen sollten, mußte so auseinanderfallen in anekdotische oder wissenschaftskritische Monologe.

Aber noch das Aneinandervorbeireden spiegelt die Wirklichkeit der jungen Exil-Forschung. Es waren für Literatur- und Theaterwissenschaft der Bundesrepublik Deutschland beschämende Augenblicke, als Schauspielerinnen, Regisseure, Dramatiker darauf hinweisen mußten, daß sich zwei Jahrzehnte lang fast niemand für ihre Dokumente oder Erinnerungen interessiert hat, ja, daß Diplomaten des Auswärtigen Amtes noch in den fünfziger Jahren unbürokratischen Eifer gezeigt haben beim Abwürgen eines der erfolgreichsten Exil-Theater deutscher Sprache, der „Freien Deutschen Bühne“ in Argentinien. Es war, als ob sich manche der noch heute in der Fremde lebenden Theatermenschen, in der Berliner Gesprächsrunde zum erstenmal von jahrzehntelang erduldetem Druck freireden müßten. Pendelnd zwischen Beichten und theaterhistorischen Fußnoten kam die Konferenz selten zur Kernfrage: Welche Auswirkungen hatte und hat das Theater im Exil auf Spielplan und Spielweisen deutscher Bühnen nach dem Krieg?

Die über 1500 Photos, Plakate, Bühnenmodelle, Kostüme, Briefe, Rollenbücher und Dokumente der von Walther Huder mit dem Blick auf politische und ökonomische Geschichte aufgebauten Ausstellung zeigt, was die Konferenz nur in Andeutungen klärte: Die Erfahrungen des Exils prägen das deutsche Theater seit 1945. Trotz Gründgens, trotz Hilpert – nicht die im Land gebliebenen Künstler hatten die Kraft, einen neuen Stil zu schaffen, sondern die Künstler, die draußen, auch wo sie nicht spielen konnten, Leidenschaft und moralische Energie des Theaters vor 1933 bewahrt haben – Brecht, Piscator, Kortner, Langhoff, die Bergner, die Mosheim, die Giehse.

In den mit dieser Ausstellung der öffentlichkeit übergebenen Nachlässen der ins Exil gezwungenen Regisseure und Schauspieler Ludwig Berger, Ernst Deutsch, Fritz Kortner und Leonard Steckel liegt Material bereit, den Satz zu korrigieren, mit dem der Theaterwissenschaftler Hans-Christof Wächter die Konferenz eröffnet hatte und der auch an ihrem Ende nicht zu dementieren ist: „Das Theater der Goethezeit kennen wir besser als das Theater, das die deutschen Emigranten in den Jahren 1933 bis 1945 im Ausland gemacht haben..“ Rolf Michaelis