Von Rainer Burchardt

Heiligenhafen/Travemünde

Jochen Steffen empfahl seinem Genossen, „sich einmal untersuchen zu lassen“. Die Delegierten indes forderten ihren Genossen General a. D., den Bundestagsabgeordneten Friedrich Beermann, indirekt auf, nachdem er „auf seinem Standpunkt beharrte“, sein Mandat an die Partei zurückzugeben. Der Eklat war da, unerwartet und überflüssig. Der außerordentliche Parteitag der schleswig-holsteinischen Sozialdemokraten sollte nämlich innere Geschlossenheit demonstrieren.

Während die rund 200 Delegierten noch beim Bohneneintopf begeistert die Rede ihres Vorsitzenden Steffen diskutierten, der sich wohltuend in die Niederungen der Verständlichkeit hinabbegeben hatte, saß der pensionierte General in der Ecke und formulierte still seine Fünf-Minuten-Philippika, die den ganzen Parteitag ins Wanken brachte. Der Saal war noch nicht zur Hälfte wieder gefüllt, als Beermann Steffen vorwarf, „in bezug auf Chile das Schreckgespenst eines deutschen Militärputsches an die Wand gemalt zu haben“. Steffen hatte zuvor den Militärputsch in Chile und die Reaktion von CDU-Politikern scharf verurteilt und dem Bonner Oppositionsführer Carstens vorgeworfen, „aus einem Professor der Rechte zu einem Professor der Rechten geworden“ zu sein. Zu der wichtigen Frage nach dem Stellenwert der Macht gehöre dann auch, „daß einige bei uns ihr Verhältnis zu der bewaffneten Macht in Ordnung bringen“.

Das verdarb dem sozialdemokratischen Ex-Soldaten Beermann offenbar den Appetit; er fand die Verbindung zum 20. Juli 1944 und sprach die Hoffnung aus, daß in dieser Tradition die Bundeswehr gegen jede politische Bewegung, welche die Verfassung nicht ernst nehme, vorgehen würde. Nach dem ersten Widerspruch wurde Beermann deutlicher: „Die Genossen Steffen und Kuhlwein wollen postaliter den Boden ebnen, in diesem Land und in diesem Volk, für eine soziale Revolution außerhalb der Verfassung.“

Die Parteiführung war erbost; Lauritz Lauritzen, der einen Tag später zum Spitzenkandidaten für die Landtagswahl 1975 gekürt wurde, der Kieler Oppositionsführer Klaus Matthiesen und die Jungsozialisten solidarisierten sich mit Steffen. Doch der Krach war da, zumal Beermann Steffen und Kuhlwein zwar bestätigte, sich auf dem Boden des Grundgesetzes zu befinden, ansonsten aber auf seinem Standpunkt beharrte, „weil Allende schließlich nicht verfassungstreu gewesen sei“.

Alles weitere stand im Schatten dieser Äußerungen – trotz der klaren SPD-Konzeption für die Kommunalwahl 1974 und die Landtagswahl. Selbst Lauritzen, der durchaus nicht allen Jusos genehm ist, wurde für eine eher mittelmäßige Ansprache („Diesmal wollen wir es wissen“) mit langanhaltendem Beifall bedacht. Die entscheidenden Reden waren sorgfältig aufeinander abgestimmt: Cheftheoretiker Steffen äußerte sich zu Grundfragen des demokratischen Sozialismus; Ministerpräsident-Anwärter Lauritzen argumentierte landespolitisch und kündigte Intitiativen seiner Regierung in der Wohnungs-, Bildungs- und Bodenpolitik an: das klassenlose Krankenhaus und ein staatliches Gesundheitswesen mit freier Arztwahl gehörten ebenso dazu wie eine mögliche Verstaatlichung der Schlüsselindustrien und Banken. Klaus Matthiesen versprach zuletzt, daß seine Fraktion alles tun werde, „damit die bereits über 20 Jahre andauernde konservative und oft reaktionäre CDU-Politik in Schleswig-Holstein ein Ende findet.“