„Ulrich Bräker Lesebuch“, herausgeben von Heinz Weder. Um den Schweizer Kleinbauern-Sohn Ulrich Bräker, der von 1735 bis 1789 lebte, der sich, genauer, durchs Leben schlug als Hirt, Knecht und Rekrut, als Garnhändler, Salpetersieder und Baumwollweber, um diesen Ulrich Bräker als einen bedeutenden Dichter auszuweisen, wird er nun zum „Ahnherrn der deutschen Arbeiter-Autobiographen“ stilisiert. Abgesehen davon, daß der soziale Status eines Dichters noch nichts über den Rang seiner Werke sagt, sondern allenfalls über den Erfahrungshorizont, der sie bestimmt, weckt das rote Etikett, das Bräker hier aufgedrückt wird, auch falsche Assoziationen. Bräker, das bezeugen seine „Tagsbücher“ und „Wanderberichte“, die hier auszugsweise abgedruckt sind, war durchaus ein Bewunderer bürgerlicher Lebensformen und Bildungsideale, die ihm nur dann die Kehle zuschnürten, wenn sie zum quasihöfischen Ritual erstarrten. Er machte sich eine „Ehre drauß“, mit den Gebildeten wie dem Zürcher Ratsherrn Füßli zu verkehren, und nahm es nicht allzu tragisch, daß „mirs viele Leute zur Unverschämtheit, zur Ehrsucht und, was weiß ichs, zu was vor Fehler mehr auslegen“. Bräker ist denn auch tatsächlich nie, wie das sonst bei aufstrebenden Kleinbürgern so häufig der Fall war, ein verzagter Opportunist geworden. Sein Denken, seine Sprache, seine Gefühle blieben ungebrochen perspektivisch, nie sah er die Welt anders als mit den Augen der kleinen Leute, mit den Augen geschundener Rekruten, von denen es in Bräkers Hauptwerk, in der „Lebensgeschichte des armen Mannes im Tockenburg“ heißt: „Wir, ach! wir – so hingeworfene verkaufte Hunde – zum Abschmieren im Frieden, zum Todstechen und Todschiessen im Krieg bestimmt.“ (FTB 1371, Fischer-Taschenbuchverlag, Frankfurt, 1973, 196 S., 4,80 DM) Christian Schultz-Gerstein

„Die Theorie des bürgerlichen Trauerspiels im 18. Jahrhundert“ von Peter Szondi. „Der Kaufmann, der Hausvater und der Hofmeister“ – im Untertitel dieses ersten von fünf Bänden einer Studienausgabe der Vorlesungen sind Titel und Thema des Buches bewahrt, an dem der zweiundvierzigjährige Berliner Literaturwissenschaftler Peter Szondi arbeitete, als er im Herbst 1971 aus dem Leben ging. George Lillos „London Merchant“, Diderots „Pére de famille“ und der „Hofmeister“ von Lenz sollten im Mittelpunkt einer vergleichenden Untersuchung stehen, die durch form- und sozialgeschichtliche Erkenntnisse Szondis Hauptwerk, „Theorie des modernen Dramas“, ins 18. Jahrhundert erweiterte. Studenten und Assistenten Szondis geben jetzt die um Notizen und Exzerpte erweiterten Vorlesungsmanuskripte von 1959 bis 1971 heraus, – Texte, die einer der besten Stilisten wissenschaftlicher Prosa in dieser vorläufigen Form nie zur Veröffentlichung freigegeben hätte. Die drei großen Kapitel dieses ersten Bandes lesend (Lillo, Diderot, Lessing und Louis-Sebastien Mercier), mit dem Szondis Schüler ihrem Lehrer ein Denkmal an philologischer Treue errichten, mit dem der Suhrkamp Verlag seiner neuen Reihe „suhrkamp taschenbücher Wissenschaft“ (stw) eine verpflichtende Norm setzt, unterdrückt der Leser alle Einwände: Noch aus Notizbüchern und Zettelkästen dieses Forschers, dessen geistige Heimat das Jahrhundert der Aufklärung war, ist mehr zu lernen als aus manchen vollendeten Werken. (Studienausgabe der Vorlesungen, Band 1; stw 15, Suhrkamp Verlag, Frankfurt, 1973; 280 S., 9,– DM)

Rolf Michaelis

„Floris und die junge Zarin“, Roman von Jacqueline Monsigny. Schon stirbt Elisabeth „vor Verlangen, sich ihm sofort hinzugeben“, schon ist Floris damit befaßt, „Elisabeths Korsage aufzuschnüren“, da endlich sagt er, wie er wirklich heißt, und sie deckt ihre „festen, apfelgleichen Brüste“ wieder zu. Denn sie sind Halbgeschwister, beide von ein und demselben Zaren gezeugt. Die Blutschande im Russenschloß ist, wenn auch erst im allerletzten Augenblick, vermieden. Dafür stirbt in China ein Papa, der allerdings schon zweimal für tot gehalten worden ist, von der Hand des ahnungslosen Sohns. Die jungen Leute bersten bei Jacqueline Monsigny ständig vor Begierde – es kann, da die Zeit nicht stillsteht, ruhig auch mal eine „etwas ungesunde“ sein. Es gibt mehr Fall- oder Geheimtüren als normale Pforten und viel mehr Lebensgefahren als warme Mahlzeiten. Kleider werden meist nur angelegt, um einen anderen Stand oder ein anderes Geschlecht vorzutäuschen. Es sieht so aus, als wolle die Verfasserin mit einem Schlag ihr Publikum für die gesamte Handlungsarmut der moderneren Romanliteratur entschädigen. (Aus dem Französischen von Sylvia List; Piper Verlag, München, 1973; 405 S., 28,– DM.) Christa Rotzoll

„Marlon Brando – Der erfolgreichste Schauspieler unserer Zeit“, von Joe Morella und Edward Z. Epstein. Er hat Sex und einen „animalischen Magnetismus“. Sein jahrelang bevorzugter Dress, Blue jeans und T-Shirt, machten Mode. Er hat viele politische Ambitionen. Er kämpft erbittert um das Sorgerecht für seine Kinder. Er hat eine kleine Inselgruppe in der Südsee gekauft. Er gilt als Einzelgänger, Grübler, Nuschler, Exzentriker, als schwierig und launisch. Manchmal mußte er zum Psychiater. Seit „Endstation Sehnsucht“ versucht er das Image des brutal-sensiblen Kowalski loszuwerden. Bei der „Meuterei auf der Bounty“ benahm er sich skandalös. Und so weiter. Klatsch und Tratsch, Brandos Freundinnen und Frauen, seine Filme, seine Affären und Skandale: Über längst Bekanntes, und das immer noch im Stil und im Niveau von Partygeplapper, geht dieses Buch nie hinaus. Freunde, Kollegen, Kritiker, Regisseure und Brando selbst werden permanent, aber ohne Quellenangaben zitiert. Brandos höchst ambivalentes Verhältnis zur Presse, zu seiner Publicity, zu Frauen, zum Filmhandwerk, zu sich selbst bleibt auf Andeutungen beschränkt; von den Filmen erfährt man etwas Randgeplänkel vor und während der Dreharbeiten, im Anhang den Stab und einige nichtssagende Pressestimmen. Die Qualität und das Phänomen „Star“, wofür es vielleicht kein geeigneteres Studienobjekt als Marlon Brando gibt, wird in Norman Mailers schlampiger Marilyn-Monroe-Biographie eher begreifbar als hier. (Gustav Lübbe Verlag, Bergisch Gladbach, 1973; 207 S., Abb., 25,– DM)

Wolf Donner