Bundespräsident Gustav Heinemann darf Respekt erwarten, wenn er sich dem Wunsch nach einer Verlängerung seiner Amtszeit versagt. Dieser Entschluß verrät jedenfalls weit mehr Verständnis für die Würde und das Ansehen des höchsten Staatsamtes als das eifrige Bemühen mancher Sozialdemokraten, Heinemann doch noch zu einer Kandidatur für eine zweite Amtsperiode zu bewegen.

Nicht, daß es verwerflich wäre, bei der Präsidentenwahl Koalitions- und Parteiinteresse im Auge zu haben. Präsidenten fallen nicht vom blauen Himmel parteipolitischer Neutralität. Heinemanns Wahl 1969 war ein politisches Signal: eine Probe auf die Tragfähigkeit des künftigen sozial-liberalen Regierungsbündnisses. Und ohne Zweifel bringt ein Verzicht Heinemanns Unbequemlichkeiten für die Koalitionspartner mit sich.

Diese Schwierigkeiten lieferten denn auch das Hauptmotiv für die Bittgänge zu Heinemann. Wer soll ihm nachfolgen? Walter Scheel, der eine merkwürdig starke Neigung zum Präsidentenamt entwickelt hat, erscheint der Koalition und der FDP gegenwärtig fast unentbehrlich. Sein Ausscheiden aus dem Kabinett würde auch eine höchst schwierige Regierungsumbildung nach sich ziehen. Walter Arendt, den sich viele als ersten „Arbeiterpräsidenten“ wünschen, wäre durchaus imstande, das Amt auszufüllen. Aber auch er ist kaum ersetzbar – ein ungewöhnlich tüchtiger Minister, eine Orientierungs- und Integrationsfigur der SPD.

Trotzdem ist Heinemann gut beraten, wenn er mit der bisherigen Regel bricht, daß Bundespräsidenten automatisch wiedergewählt werden. Noch trägt er die Last des Alters ohne sichtbare Ermüdungserscheinungen. Aber es ist nicht auszuschließen, daß auch ihn – wie dies ja seinem Vorgänger Heinrich Lübke widerfahren ist – eine zweite Amtszeit überfordern könnte.

Wenn Heinemann sich frei entscheidet, das Präsidentenamt nicht mit diesem Risiko zu belasten, dann macht er zugleich klar, daß die Präsidentenwahl doch etwas mehr ist als die Fortsetzung der Koalitionspolitik mit anderen Mitteln. R. Z.