Von Rudolf Herlt

Es war das schärfste Programm zur Wiedergewinnung der Stabilität, das je eine demokratisch gewählte Regierung politisch durchsetzen konnte. Hat es gewirkt? Seit die Kur verschrieben wurde, ist ein halbes Jahr vergangen. Die beginnende Nervosität in Bonn, über die unser Korrespondent berichtet, zeigt die Gefahr, daß das ganze Exerzitium vergebliche Liebesmüh’ bleiben könnte.

Die Bonner müssen an ihren eigenen Ansprüchen gemessen werden. Der Bundeswirtschaftsminister hätte unermüdlich verkündet, daß die Vollbremsung durchgehalten werden, müsse, bis sich in der Preisentwicklung eine Tendenzwende zeige.

Preisbewegungen können nur über die Kräfte gezügelt werden, die für ihr Zustandekommen verantwortlich sind: über das Geld, mit dem sich die Kauflust ausleben kann und über das Angebot an Waren und Diensten. In einer überbeschäftigten Wirtschaft kann das Angebot nicht ausgedehnt werden, ohne daß Einkommen und Preise einen weiteren Sprung nach oben machen. Deshalb sollte das Programm die Kauflust drosseln; vor allem die Kauflust der Unternehmer. Stabilitätsabgabe, Investitionssteuer, Wegfall der Abschreibung mit fallenden Abschreibungsraten und die auf Liquiditätsenge gerichtete Politik der Bundesbank waren die geballte Ladung dafür.

Wenn diese geballte Ladung irgendwo Wirkung zeigen mußte, dann im Nutzfahrzeugbau und im Maschinenbau. In beiden Bereichen hatte die Ankündigung der Bonner Maßnahmen vor dem 9. Mai zu einer Auftragswelle geführt. Nach dem Auftragsstau im Mai haben sich die meisten Kunden jedoch zurückgehalten. Der Verdacht, viele Unternehmer würden trotz der um 11 Prozent höheren Einstandspreise weiter kaufen, weil sie fürchteten, die Preise würden nach zwei Jahren noch höher sein, hat sich nicht bestätigt. Die „geballte Ladung“ hat ihre ersten Spuren schon in den Auftragsziffern von Juni an hinterlassen.

Statistisch hat sich das so niedergeschlagen: Der Index für Aufträge bei den Investitionsgüterindustrien aus dem Inland fiel von 148 im Mai auf 116 im Juni, 107 im Juli und stieg wieder leicht auf 108 im August. Noch deutlicher müßten das die September-Zahlen widerspiegeln, die allerdings noch nicht zu haben sind.

Unternehmen mit weniger gut ausgewogenem Produktionsprogramm haben diesen Abfall der Nachfrage bis in die Beschäftigung hinein gespürt. Im Fahrzeugbau fiel der Produktionsindex von 202 im Mai auf 190 im Juni und 173 im Juli, im Maschinenbau von 137 im Mai auf 130 im Juni. Die Maschinenfabrik Augsburg-Nürnberg kündigte Kurzarbeit an, konnte sie aber im letzten Augenblick vermeiden, weil, wie das Unternehmen mitteilte, ein überraschender Auslandsauftrag hereingekommen war. Daimler-Benz war nach den Angaben eines Unternehmenssprechers in der Lage, die Konsequenzen der Abschwächung von der Belegschaft fernzuhalten. Je größer die Abhängigkeit eines Nutzfahrzeugherstellers von der Bauindustrie ist, um so schwieriger ist seine Lage. Je größer sein Exportanteil, desto besser ist sie, denn der Auslandsabsatz stieg, wie erwartet, ungewöhnlich stark.