Von Ernst Dieter Schmickler

Als die Dresdener SED-Parteiführung mit den Feierlichkeiten zum 56. Jahrestag des „Roten Oktober“ begann, kamen die Bayern. Die Hoffnung einiger Tausend Fußballfreunde der Elbestadt, etwas Tuchfühlung mit den einst so erfolgreichen Bayern-Fußballern aufzunehmen, ging nicht in Erfüllung. Einmal abgestimmt auf das Rückspiel der seltenen deutschen Fußballfeier Dynamo Dresden gegen FC Bayern München (3:3, Hinspiel 3:4), wurden aber die rund 1000 Fußballfans aus der Bundesrepublik nicht unterkühlt empfangen. Im Gegenteil, als der Sonderzug und die Busse im Morgengrauen in Richtung Dresden auftauchten, gab es freundliches Zuwinken und bemerkenswerte Gesten im Bahnhof oder auf den Straßen, wo sich die „Experten“ von hüben und drüben informierten.

Seltsam mutete den Reiseorganisatoren dieses Fußballausfluges ins Nachbardeutschland das Ausbleiben ihrer Reisegäste bei Stadtrundfahrt und Mittagessen an. Die Vermutung, die Bayernfans interessierten sich ausschließlich für Fußball und weniger für Kultur oder die Dresdner Stadtszenerie, lag zwar nahe, war aber falsch. Statt dessen stellte eine nicht geringe Zahl von Sonderzug- und Busbenutzern aus dem Westen Deutschlands zum Mittagessen die Beine bei Verwandten, Bekannten und Freunden in Dresden und Umgebung unter den Tisch.

Deutsch-deutsche Querelen verursachten vor dem Spiel allein die Funktionäre, allen voran der Bayern-Präsident Wilhelm Neudecker. Das erste Foul dieser Partie pfiff der französische Schiedsrichter Wurtz bei einem Clinch Schwarzenbeck/Rau nach vier Minuten im Dresdener Dynamo-Stadion, das noch bis vor wenigen Jahren Rudolf-Harbig-Stadion hieß. Bevor der Unparteiische allerdings dem Dresdener Geier und den beiden Münchenern Hansen und Dürnberger die „gelbe Karte“ zeigte, hatten sich die, die das berühmte Sagen haben einen solchen Verweis schon längst verdient. In den letzten Tagen vor dem Match zum weiteren Verbleib im Europapokal der Landesmeister schien es, als benötigten die Deutschen untereinander einen chinesischen Dolmetscher.

Rund 65 Journalisten erwarteten frühzeitige Einreise und verständlicherweise angemessene Hotelunterbringung in Dresden, wo im gleichen Zeitraum eine Tagung unter dem Aesculap-Medizin-Symbol stattfand. Die DDR-Stellen fühlten sich überfordert und schlugen die Journalisteneinreise am Spieltag vor, freilich wähnte man sich in Pressekreisen in Dresden und Ostberlin, München oder Köln noch in der Annahme, der Bayernclub reise programmgemäß zwei Tage vor dem Spiel in Dresden an.

Kurz nachdem der Münchener Fußball-Herr Neudecker den Europäischen Fußballverband (UEFA) mit dem „Fall Dresden“ befaßte und zum Unverständnis der begeisterten und erwartungsfrohen Fußballgemeinde der DDR sogar die Austragung in einem Drittland, zu bedenken gab, kam in München das große Erwachen in kleinem Kreis. Neudecker sinnierte über Höhenanpassung und erschien mit der Bayern-Mannschaft nach einem Zwei-Tage-Stopp im Bayrischen Hof drei Stunden vor. Spielbeginn gegen die plötzlich groß gewordenen „Fußballwerktätigen“ in der Dresdener Luxusherberge „Newa“. Überall in deutschen Fußball-Landen rätselt man über Sinn und Hintergründe. Abgesehen von den leeren Hotelbetten stand am Ende der Sondereinlage die Lattek-Devise: Der Erfolg gibt recht.

Seit der DDR-Fußball mit dem 4:1-Sieg der Auswahlmannschaft in Tirana/Albanien die „Phönix aus der Asche“-Erfolgsserie fortsetzte und die WM-Qualifikation im fünften Anlauf erstmals schaffte, schien das Erfolgssoll auch für Dresden im Rückspiel gegen die Bayern aus München greifbar nahe. Doch auf dem Höhenflug. gegen die Bayern, Höhenflug zum totalen Erfolg, fiel das Dresdener Triebwerk zum Schluß aus. So ungefähr hatte sich auch Abonnements-Torschütze Gerd Müller mit seinen stark demoralisierten Freunden in der Kunststadt Dresden das Ende vorgestellt. „Mein einziger Wunsch: ich hoffe, daß es uns endlich mal wieder gelingen wird, das erste Tor zu schießen. Wenn uns das glückt, ist alles gelaufen“, meinte Müller, der ebenso wie seine Klubkameraden mit dem 3 : 3 in Dresden wieder das Gefühl für kindliche Freude erhielt.