Seit 1970 ist die Zahl der Krankmeldungen bei Arbeitern gestiegen

Das Phänomen heißt „Fehlzeit“ oder „Ab-Wesenheit“. Statistiker nennen es „Krankenstand“, und in der Umgangssprache sagt man dazu ganz einfach „Blaumachen“. Einst war das berechtigte oder auch unberechtigte Fernbleiben von der Arbeit eher etwas, das fatalistisch als „natürliche“ Erscheinung des Arbeitsalltags hingenommen wurde. Das hat sich in den letzten Jahren gründlich geändert.

Eine „neue europäische Krankheit“ meinte kürzlich der Pressedienst der Firma „Manpower“ entdeckt zu haben, eine Art „englische Krankheit“, die nun auch das übrige Europa anzustecken drohe. Die Tageszeitung „Die Welt“ sprach von einer „lädierten Arbeitsmentalität“, der Informationsdienst „Platow-Brief“ gar von einem „Trauerspiel“.

Einige Fakten: Der Anteil der arbeitsunfähigen Pflichtmitglieder der Krankenkassen war im ersten Quartal 1973 mit 6,66 Prozent um 0,57 Punkte höher als ein Jahr zuvor. Das Bundesarbeitsministerium spricht von einer sich seit Jahren abzeichnenden Tendenz eines leicht wachsenden Krankenstandes. Nach seinen Angaben lag der Krankenstand 1969 noch bei durchschnittlich 5.1 Prozent. Damals war also etwa jedes zwanzigste Pflichtmitglied einer Krankenkasse arbeitsunfähig. Dieser Prozentsatz stieg dann ein Jahr später auf 5,6, fiel 1971 auf 5,3 Prozent und lag 1972 schließlich bei 5,5 Prozent. Da inzwischen über 90 Prozent der westdeutschen Arbeitnehmer in einer gesetzlichen Krankenkasse sind und von der amtlichen Statistik berücksichtigt werden, kommt dem an sich geringen prozentualen Unterschieden im Verlauf der letzten fünf Jahre dennoch zahlenmäßig ein großes Gewicht zu.

Was das im Einzelfall bedeuten kann, zeigt das Beispiel der Phoenix-Gummiwerke AG in Hamburg-Harburg. Nach Angaben des Unternehmens blieben 1972 „mehr als zwei Drittel der Männer und drei Viertel der Frauen ... an mehreren Tagen oder Wochen“ der Arbeit fern. Oder umgekehrt: „Nur 30 Prozent der gewerblichen Mitarbeiter und nur 25 Prozent der gewerblichen Mitarbeiterinnen haben 1972 außerhalb des Urlaubs nicht gefehlt und keinen Anspruch auf Lohnfortzahlung geltend gemacht.“

Schon seit dem 1. Januar 1970, als das Lohnfortzahlungsgesetz auch den Arbeitern einen Anspruch auf Weiterzahlung ihres Bruttolohnes in den ersten sechs Krankheitswochen bescherte, setzen Deutschlands Unternehmer das Wort „Krankheit“ gern in Anführungszeichen. Wer immer unentschuldigt oder entschuldigt fehlt – er ist vor dem Mißtrauen der Geschäftsleitung nicht gefeit.

Niemand leugnet, daß der Krankenstand in der Bundesrepublik während der letzten Jahre angestiegen ist. Da Gewerkschaften und Arbeitgeber aber unterschiedliches statistisches Ausgangsmaterial benutzen, beantworten sie auch die Frage nach einer „Mitschuld“ des Lohnfortzahlungsgesetzes unterschiedlich. Die einen orientieren sich an dem Gesamtergebnis aller Kassen, das zur Zeit gut fünf Prozent beträgt – die anderen legen die relativ höheren Zahlen der Betriebskrankenkassen zugrunde.