Wenn wir zufällig auch nur einen Augenblick kein Geld zur Hand gehabt hätten, dann hätte man uns wie Übeltäter gelyncht.“ Diesen Alptraum gestand ein Schalterbeamter der Sparkasse von Nizza einem Reporter von Le Monde. Nicht nur in Nizza, auch in benachbarten Sommerfrischen der Côte d’Azur waren tagelang die Geldschalter der Caisse d’Epargne von hysterischen Kunden belagert. Sie ließen sich binnen 48 Stunden 80 Millionen Francs auszahlen – und niemand weiß genau warum.

Nizza, nicht nur im Sommer Treffpunkt von Schickeria, Halbwelt und neugierigen kleinen Leuten, scheint ein fruchtbarer Boden für Gerüchte zu sein. Das kommt nicht ganz von ungefähr. Dunkle Immobiliengeschäfte sind in dieser Ecke der Côte d’Azur fast an der Tagesordnung, Millionen-Pleiten sind keine Seltenheit. Und sogar die Polizei steht in schlechtem Ruf. In den letzten Wochen kam nämlich heraus, daß sich Ordnungshüter skrupellos bereicherten, wenn sie nach Einbruchdiebstählen zur Protokollaufnahme gerufen wurden: Sie setzten einfach das Werk der Diebe fort.

Die Sparkasse, 1858 durch königliches Dekret gegründet, war zunächst ins Gerede gekommen, als ihre Verwaltung auf Flugblättern der Unfähigkeit bezichtigt wurde, Wegen eines Streits um Arbeitsverträge trat fast das halbe Personal in den Streik. Mitglieder des Personalrats waren es offensichtlich auch, die zuerst ihre Spargelder abheben.

Dann setzte plötzlich der Sturm auf die Schalter ein. Stundenlang standen Kunden Schlange, um an ihre Spargroschen zu kommen und die Angestellten als Diebe und Schwindler zu beschimpfen. Die Kasse der Sparkasse konnte allerdings durch keine noch so große Psychose in Bedrängnis gebracht werden. Denn hinter Frankreichs Sparkassen steht eine mächtige Girozentrale, die zugleich eines der enflußreichsten geldpolitischen Instrumente der Regierung ist. Nach drei Tagen Parik strömten die Bürger von Nizza wieder an die Schalter – diesmal um ihr Geld wieder einzuzahlen. Der Direktor des Instituts ließ sich indes nicht aus der Ruhe bringen; er ist überzeugt, daß er eine bessere Werbeaktion nicht zustandegebracht hätte, smi