Die Lady ist wieder im Kommen. Billie-Holiday-Platten stehen auf den Hitlisten, in Brooklyn ist ein Musical über sie, „Lady Day“, angelaufen, amerikanische und europäische Zeitungen widmen der schwarzen Jazz-Sängerin lange ehrfürchtige Artikel, ihre Autobiographie „Lady Sings the Blues“ von 1956 (die sie William Dufty frei erzählt und die er dann frei nacherzählt hatte) wird mit einer Millionenauflage neu ediert, und der Film danach hat in Amerika schon Unsummen eingespielt.

Auch Filme über große Sängerinnen sind offenbar im Kommen. Judy Garland, Bessie Smith, Josephine Baker, Edith Piaf, Billie Holiday sind oder werden Filmhelden. Da kann man immer noch einmal die Geschichte von Traumkarrieren erzählen, vom bitteren Ruhm, vom Opfer der Liebe an die Kunst, kann in schönen alten Zeiten schwelgen und mit Fug und Recht, lauter Lieder und Melodien bringen. Frauen-Liebes-Kostüm-Biographie-Musikfilme. Und wie das im Kino so ist: Übereinstimmungen mit wahren Begebenheiten sind rein zufällig.

„Lady Sings the Blues“ ist ein höchst ärgerlicher und ein ganz wunderbarer Film. Zuerst das Sündenregister: Billies trübe Kindheit und die Jugend im Bordell werden verharmlost und verniedlicht; ihre diversen Ehemänner und Geliebten, die sie meist brutal ausbeuteten, werden auf einen einzigen, edlen, treuen, selbstlosen Mustermann reduziert; die Handlung suggeriert falsche Relationen persönlicher Erlebnisse zu Billies Liedern und Karriere, beschränkt sich (was legitim ist) auf die Zeit ihrer großen Erfolge von 1933 bis 1939, unterschlägt aber ihre Zusammenarbeit mit Jazz-Koryphäen wie Louis Armstrong, Lester Young, dem Goodman-Pianisten Teddy Wilson, mit den Bands von Count Basie, Artie Shaw und Benny Goodman.

Der Film zeigt höchstens Fakten, nie Ursachen; er ist mit großen Themen überfrachtet (Rassendiskriminierung, Drogensucht, Jazz-Kultur, Showbusiness, einer Karriere, einer Biographie) und bleibt in allem an der Oberfläche. Er trimmt die Geschichte zum Klischee des amerikanischen Traums: aus dem Slum empor zu Ruhm, Glück und Geld. Er verschweigt, daß Billie von einer freiwilligen Entziehungskur ins Gefängnis geschleppt wurde, daß sie jämmerlich, unter nie ganz geklärten Ursachen, mit Polizeiposten am Bett starb. Rassendiskriminierung, Bordell, Gefängnis, Sucht werden adrett oder verfälschend dargeboten, das Elend bleibt immer genießbar.

Hinzu kommen Fehler und das Unvermögen der Regie, die jedes Detail plakativ, dick und im Breitwandformat auswalzt, unter die Handlung eine seichte Musik von Michel Legrand legt, sich grobschlächtiger Effekte bedient. Präzise historische, biographische, musikästhetische Auskünfte werden zu melodramatischem Gewaber verklärt. Die Mitte des Films hängt völlig durch, und die deutsche Fassung, um 30 Minuten (auf immer noch zwei Stunden) gekürzt, verzichtet generös auf die ganze Kindheit Billies in Boston, ebenso auf viele Pointen und differenzierte Stimmungslagen des Dialogs.

Ohne Diana Ross wäre der Film eine schlimme Pleite. Wenn sie das schüchterne, staksige Mädchen spielt, mit großen Augen und offenem Mund ihrem Schwarm nachstarrt, sich mit übertriebenem Eifer und dann mit rührender Scheu die erste Chance in einem Nachtklub. erkämpft, wenn sie, völlig stoned oder kaputt, mit tranigem Blick und schwerer Zunge gegen ihre Apathie ansingt und ihr Drang zu singen immer wieder ihre Sucht besiegt, dann vergißt man allen Ärger. Diana Ross am Mikrophon hat eine Präsenz und Unmittelbarkeit, ein erotisches und emotionales Fluidum, das von einer seltenen Faszination ist. „Schwarze Doris Day“ nannte man sie oder, als sie noch die Supremes leitete, „Princess of Plastic Pop“. Hier aber singt sie mit samtener, schmiegsamer Stimme, einem ausdrucksstarken Timbre und einer quasi-instrumentalen Phrasierung viele Lieder wirklich wie Billie Holiday, deren berühmte elastische Modulation selbst billige Schlager zu sensiblen Blues machte. Jazz als Artikulation eines Lebensgefühls, der Blues als ein notwendiger existentieller Vollzug – vieles davon kann Diana Ross nur andeuten, weil der Film sie im Stich läßt. Die absolut verinnerlichte Hingabe an und Selbstaufgabe in Musik – darin erweist sie sich ihres Vorbildes würdig. Da singt die Lady den Blues. Wolf Donner