Im Brennpunkt

Nahost-Krise

Kissingers Kompromiß – Ein fragwürdiger Test im Vorfeld des Friedens

Von Karl-Heinz Janßen

Es war ein typischer Kissinger-Kompromiß. In einer Situation trügerischer Waffenruhe an der Suezfront hat er beide Kampfhähne zu überreden vermocht, ein gemeinsames Dokument zu unterschreiben, das jedem erlaubt, sein Gesicht zu wahren. Aber schon einmal – es ist erst ein Jahr her – hatte sich Kissinger in seinen Voraussagen bei einer anderen Friedensregelung auf peinliche Weise geirrt. Diesmal hatte er Kairo kaum verlassen, als die Israelis bereits das erste Haar in der Kissinger-Suppe entdeckten. Und einen Tag nach der Unterzeichnungszeremonie am Kilometer 101 auf der Straße von Suez nach Kairo prügelten sich ihre Soldaten mit „Blauhelmen“, die das Sechs-Punkte-Abkommen auf ihre Weise auslegen wollten.

Die Vereinbarung zwischen Ägypten und Israel ist beileibe nicht der Friede, nicht einmal ein Vorfriede. Genaugenommen handelt es sich um die erste Durchführungsverordnung zu den Feuereinstellungsbefehlen des Weltsicherheitsrates. Die Feuerpause wurde in einen Waffenstillstand umgewandelt. Aber noch ist die Gefahr nicht gebannt, daß es – wie im ersten arabischisraelischen Krieg 1948/49 – bei einem kurzen Zwischenspiel bleibt, dem der nächste kriegerische Akt folgt, weil beide Seiten die kurvenreichen Frontlinien begradigen möchten. Drei Wochen nach Kriegsende befinden wir uns erst in der Vorphase der Friedensverhandlungen, die nach dem Willen der Weltmächte Amerika und Sowjetunion unmittelbar nach der Feuereinstellung hätten beginnen sollen.

Die israelische Regierung hat unter enormem Druck der Amerikaner in die Vereinbarung eingewilligt. Darin verpflichten sich beide Seiten; 1. das Waffenruhegebot der UN peinlichst zu beachten, 2. sofort über einen Rückzug auf die Waffenstillstandslinien vom 22. Oktober und über ein Auseinanderrücken der Armeen am Westufer des Suezkanals zu verhandeln, 3. soll die eingeschlossene Stadt Suez täglich mit dem Nötigsten versorgt, 4. die Versorgung der eingekesselten dritten Armee mit nichtmilitärischen Gütern gesichert werden, 5. sollen UN-Truppen die israelischen Posten an der Straße Kairo–Suez übernehmen und 6. soll im Zusammenhang mit Punkt fünf ein Gefangenenaustausch beginnen.