Von Marlies Menge

Berlin, im November

Der Bahr, der gehört an die Wand gestellt!“ empörte sich die junge Frau, die am Freitag der vergangenen Woche in der Schlange vor dem Westberliner Besucherbüro am Waterloo-Ufer stand. Dort und vor den anderen Büros war der Andrang schnell gewachsen, nachdem die DDR letzte Woche die Absicht kundgetan hatte, ihren Eintrittspreis für westliche Besucher zu erhöhen. Wo sonst 10 000 Anträge pro Tag gestellt wurden, waren es jetzt fast 14 000. Denn bis zum 15. November galten noch die alten Regelungen.

Was der Regierende Bürgermeister Klaus Schütz „eine Maßnahme frühkapitalistischer Geldschneiderei“ nannte, bezeichnen die Westberliner in diesen Tagen schlicht als „eine Schweinerei“ und „einen Schlag ins Kontor für die, die mit dem Geld rechnen müssen“. Und sie schimpfen; „So was will ein Arbeiter-und-Bauern-Staat sein!“ Am meisten fühlen sich die Berliner durch den Vorwurf der DDR beleidigt, sie wollten sie ausplündern: „Wir und die ausplündern! Was wir alles rübergeschleppt haben: Kaffee, Kakao, Strumpfhosen ... Nicht einmal das Geld, das wir bisher umtauschen mußten, haben wir gebraucht. Wir haben bei Verwandten gegessen, das Geld haben wir verschenkt.“ Unter dem Eindruck der DDR-Maßnahmen werden die Ostverträge nun von vielen als zu leicht befunden, und Kalte Krieger bekennen sich wieder zu ihrer Überzeugung: „Mit denen da drüben kann man eben nicht reden!“

Die meisten Westberliner haben in den anderthalb Jahren, seit es ihnen erlaubt ist, Verwandte und Freunde drüben besucht. Sie haben Ausflüge in die vorher versperrte Umgebung Berlins unternommen. Diese Möglichkeiten sehen sie jetzt wieder eingeschränkt. Eine Berlinerin in der langen Schlange vor dem Besucherbüro am Waterloo-Ufer, eine Rentnerin, reagierte prompt auf die kommenden Schwierigkeiten. Sie beantragte gleich zwei Tagesreisen für die noch verbliebene, billigere Zeit. Vier Tage hat sie außerdem noch von dem für Westberliner bewilligten Kontingent von 30 Tagen im Jahr übrig. Ob sie auch die noch ausnutzen wird, weiß sie nicht: „Ich glaube, das wird mir zu teuer.“ Bisher waren Rentner vom Mindestumtausch befreit, jetzt müssen auch sie zahlen, und zwar in voller, bitterer Höhe; zehn Mark pro Tag und Person für Ostberlin, 20 Mark für die DDR.

Offiziell begründet die DDR ihrer Bevölkerung gegenüber die Verteuerung damit, daß DDR-Geld im Westen gehandelt werde und zudem noch zu einem Schwindelkurs, der nicht der realen Kaufkraft des Geldes entspreche. Der Kurs animierte westliche Besucher dazu, heißt es, DDR-Mark illegal mitzunehmen, um in der DDR einzukaufen.