Frankfurt

Frankfurts Sozialdemokraten verdanken ihren hohen Bekanntheitsgrad über die Rhein-Main-Region hinaus spektakulären Aktivitäten der Parteibasis. Ihre Delegierten versuchen seit Jahren, auf Parteitagen nicht nur die Weichen für die Kommunalpolitik zu stellen, sie lieferten auch oft genug Beispiele dafür, daß Rathausentscheidungen im einzelnen von ihrer Zustimmung oder Ablehnung abhängig sind.

Jetzt war es wieder einmal soweit: Am 7. November sollte ein Sonderparteitag das letzte Wort über einen Verkehrs- und Tarifverbund zwischen den städtischen Verkehrsbetrieben und dem Bundesbahnnahverkehr sprechen. Genau einen Tag vor der Sitzung der Stadtverordnetenversammlung, die den Verbundtarif verabschieden sollte, wollten sich die Delegierten des SPD-Unterbezirks versammeln, um darüber zu entscheiden, wie sich die Rathausgenossen verhalten sollten.

Ein Jungsozialistenantrag lag vor, in dem das Ergebnis der Verhandlungen mit Bund und Land und mit der Bundesbahn mißbilligt wurde. Die Forderungen, die ein Parteitag am 12. Mai aufgestellt hatte, seien nicht erfüllt. Es müsse erneut diskutiert werden, innerhalb der Partei und draußen mit der Bevölkerung, und noch einmal verhandelt werden. Bürgermeister Rudi Soelch war auf alles gefaßt: Eine Aufschiebung der mit dem Verbund verknüpften Tariferhöhung würde ganz schöne Löcher in die Kasse reißen.

Aber es. kam ganz anders: Als der „Sonderparteitag Tarifverbund“ um 20.15 Uhr eröffnet wurde, zählte die Mandatsprüfungskommission genau 186 Delegierte. Die Sollzahl: 459. Mindestens die Hälfte – also 230 – muß jedoch (so verlangt es die Satzung) präsent sein, wenn der Parteitag beschlußfähig sein soll. Etwa eine Stunde später war die Bilanz nicht viel besser: 107 Delegierte im Saal. Wo die anderen 252 Genossinnen und Genossen abgeblieben waren, darüber machte sich niemand Sorgen: Dynamo Dresden spielte gegen Bayern München und Borussia Mönchengladbach gegen die Glasgow Rangers. Der Berichterstatter der Neuen Presse war dabei, als ein prominenter Sozialdemokrat aufatmete: „Die Glasgow Rangers haben den Tarifverbund gerettet.“ Gerhard Ziegler