Hamburg

Seit Juli 1972 ermittelt Hamburgs Staatsanwaltschaft gegen drei Ärzte, die aus dem Dienst im Zentralkrankenhaus des Untersuchungsgefängnisses (UG) fristlos entlassen worden waren – wegen des Verdachts der Begünstigung einer kriminellen Vereinigung. Ende Oktober 1972, so entnahmen ihre Anwälte einem Aktenvermerk, waren die Ermittlungen „im wesentlichen“ abgeschlossen. Bis jetzt aber sind die Ermittlungen nicht zum Abschluß gekommen, wurde weder das Verfahren eingestellt noch Anklage erhoben. Aus diesem Grunde reichten die Rechtsanwälte nun eine Dienstaufsichtsbeschwerde gegen den ermittelnden Staatsanwalt ein. Die Ärzte, seit anderthalb Jahren im Ungewissen über ihre berufliche und persönliche Zukunft, haben sich ebensolange vergeblich um eine Anstellung im hamburgischen Staatsdienst bemüht – das schwebende Ermittlungsverfahren begründete ihre Ablehnung durch Hochschulamt und Gesundheitsbehörde. Sie sind mehr oder weniger arbeitslos.

Daß Hamburgs UG nebst Zentralkrankenhaus (ZKH) und Beruhigungszelle „Glocke“ seit mindestens acht Jahren einen beunruhigend schlechten Ruf hat, liegt an einer Reihe mysteriöser Todesfälle unruhiger Gefangener. Soweit bekannt geworden ist, starb als erster 1966 der Häftling Hase, dem in der „Glocke“ eine Behandlung zuteil wurde, die er nicht überlebte. Den vorläufig letzten Skandal löste der Glocke-Tod des 24jährigen Algerienfranzosen Ab’d el Kader, alias Silversmith, aus. Damals – 1972 –, trennte sich die Justizbehörde endlich von dem verantwortlichen Psychiater Dr. Jessel.

Etwa zur selben Zeit wurden die Assistenzärzte von Seckendorff, Ewe und (wenig später) Pille fristlos aus dem Dienst im ZKH entlassen. Freilich waren sie eine Belastung anderer Art: Politisch standen sie weit links und hatten auch Häftlinge wissen lassen, was sie vom Strafvollzug halten. Sie waren – wie sie erklärten – nicht bereit, die Medizin in seinen Dienst zu stellen.

Und dann wurden bei einem Drucker, der wegen Verdachts der Zugehörigkeit zu RAF und Bader-Meinhoff-Leuten verhaftet wurde, Photoplatten mit Ablichtungen der ZKH-Tagesausweise von Ewe und Seckendorff gefunden. Mit Hilfe von gefälschten Ausweisen, meint die Staatsanwaltschaft, sollten Gefangene herausgeholt werden. „Hier saßen damals Hoppe, Grashoff, Grundmann und Fräulein Schiller ein.“ Seckendorff und Ewe wurden für drei Monate – vorsichtshalber in Hannover – inhaftiert. Haftbefehl besteht, auch nach ihrer Freilassung weiter.

Die Dienstaufsichtsbeschwerde der Anwälte scheint den Ermittlungen Beine gemacht zu haben. „Sie nähern sich dem Abschluß.“ Auf die Frage nach dem Ergebnis teilte die Staatsanwaltschaft mit, was die Betroffenen noch nicht wissen: von Seckendorf und Ewe werden auf Grund von § 129 Strafgesetzbuch (Kriminelle Vereinigung) vor der Staatsschutzkammer angeklagt, Pille „wahrscheinlich nicht“. Ruth Herrmann