ARD, Montag, 12. November: "Erinnerungen an eine Reise", von Jonas Mekas

Ein Emigrant kehrt, nach mehr als einem Vierteljahrhundert, für ein paar Wochen nach Litauen, in seine Heimat, zurück und dreht einen Film darüber. Und er spricht selbst in einem merkwürdig gebrochenen, pathetisch klagenden Balladenton den Text zu seinem Film, und er sagt Sätze wie diese: "Ich bin immer noch auf meiner Reise in die Heimat." "Wir haben dich geliebt, Welt, aber du hast uns schäbig behandelt." Und er zeigt Bilder wie diese: wehende Kornfelder mit leuchtenden Blumen, Menschen, die sich vor der Kamera linkisch und rührend in Positur stellen, und immer wieder eine alte, verschrumpelte Frau, seine Mutter. Ein Kapitel des Films heißt: "Mama macht Kartoffelpuffer."

Ein Heimatfilm im Deutschen Fernsehen, kurz vor Mitternacht, und fast ein Wunder. Ein Film voller Sentiment, doch ohne alle Sentimentalität ein bewegendes Lehrstück darüber, was ein Liebesfilm ist und was eine Schnulze. Jonas Mekas, der Patriarch des amerikanischen Undergroundfilms (1922 in Litauen geboren, im Krieg als Zwangsarbeiter in deutschen Lagern festgehalten, 1949 endlich in den Vereinigten Staaten gelandet), hat 1971 zusammen mit Bruder Adolfas ("Hallelujah die Hügel!") Litauen wiedergesehen.

Die "Erinnerungen an eine Reise" sind das verfilmte Tagebuch dieser Wiederkehr – gedreht in der fiebrigen, quasi amateurhaften Manier der Jonas-Mekas-Filme, mit einer zitternden, springenden Kamera und schnellen, manchmal chaotischen Schnitten. Aber dieser Stil (besser: diese Stillosigkeit) ist eben viel mehr als Manier: Das große Pathos des Themas und der Texte wird gebrochen durch Bilder voller Nervosität, Bilder, die immer Augen-Blicke sind, nie "Einstellungen", Bilder, welche die Emotionen nirgendwo zur Geschichte oder zum Gedicht ordnen, sondern so unordentlich bleiben, wie Impressionen und Erinnerungen sind. Eine Schnulze, das war noch selten so sehr zu begreifen wie in diesem Mekas-Film, ist nicht eine Schnulze wegen ihrer Traurigkeit, sondern wegen der Cleverness, mit der sie Traurigkeit arrangiert. "Erinnerungen an eine Reise" ist ein Film der Trauer, des Übermuts und der optischen Schlamperei – und damit der radikalste Kontrast zum sentimentalen Ordnungs- und Stilisierungsfanatismus, mit dem amateurfilmende und professionelle Spießer Heimat und Familie filmisch organisieren.

Tschechow, der ehrlichste aller Schriftsteller, hatte diesen Lieblingssatz: "Das Meer ist groß." Wenn sich Mekas’ Film von Litauen verabschiedet, sagt er Sätze, die nicht ganz so einfach und so schön sind, aber doch beinahe: "Als wir abreisten, regnete es. Der Flugplatz war naß. Es war traurig."

Benjamin Henrichs