An der deutschen Börse ringen gegenwärtig mehrere Faktoren miteinander. Die Zinssenkung am Kapitalmarkt – dokumentiert durch den Übergang vom zehnprozentigen auf den 9 1/2prozentigen Nominalzins – sorgt für eine freundliche Grundstimmung. Sie wird verstärkt und gleichzeitig auch, abgeschwächt von den Nachrichten über die Friedensbemühungen in Nähost sowie von der „Ölfront“. Sind die Meldungen hoffnungsvoll, drängen die Kurse nach oben, sind sie es nicht, geht es anders herum. Die Kursschwankungen der letzten Tage waren beträchtlich.

Mehrere deutsche Fonds haben die manchmal niedrigen Börsenkurse zur Aufstockung ihrer Bestände benutzt. Dabei zeigte sich sehr deutlich, daß selbst in den marktgängigen deutschen Standardaktien Millionenbeträge nur dann zu haben sind, wenn die Angst in den Börsensälen umgeht. Ohne Not verkauft zu den derzeitigen Kursen niemand mehr. Auf der anderen Seite verstärkt sich das Angebot aber auch, sobald sich das Kursniveau um einiges gehoben hat. Ein Merkmal dafür, daß viele Leute eher mit einer Periode von Schwankungen als mit einem stetigen Kursanstieg rechnen.

Besonders empfindlich sind die Großbankaktien geworden. Nach Nordrhein-Westfalen hat sich auch die schleswig-holsteinische SPD entschlossen, die Verstaatlichung privater Banken zu fordern, wobei im Falle Schleswig-Holstein besonders verstimmte, daß sich Bundesminister Lauritzen dieser These anschloß. Unter diesen Umständen nützt es wenig, wenn Staatssekretär Pohl das Universalbanksystem ausdrücklich verteidigt. Die gesellschaftspolitischem Probleme werden nicht von Fachleuten gelöst.

Nur zögernd tasten sich die Anleger an die Versorgungsaktien heran, obwohl diese zu den Nutznießern der Energiekrise gerechnet werden können. Schon jetzt merken die Unternehmen eine saisonale überdurchschnittliche Stromnachfrage, die ohne Schwierigkeiten zu befriedigen ist, aber die Kassen klingeln läßt. Die Stromerzeuger verfügen über ausreichende Vorräte an schwerem Heizöl, das außerdem zu einem großen Teil durch andere Brennstoffe ersetzbar ist.

Das Interesse für die Badenwerk-Aktien ist ein Sonderfall. Die Emission ist mehrfach überzeichnet worden, auch ohne soziales Beiwerk. Die Teilprivatisierung des Badenwerks gelang in einem Zuge. Der Ausgabekurs von 128 Mark sollte inzwischen schon Geschichte sein. Ob es – wie vielfach vorausgesagt – noch zu einem ausgesprochenen Kurssprung in diesem Papier, kommt, hängt weitgehend von der Allgemeintendenz ab. Wer bei den Badenwerk-Aktien nicht voll zum Zuge gekommen ist, sollte sein Augenmerk auf die anderen Aktien der Branche richten, besonders auf die des RWE. Das RWE wird von der Ölkrise überhaupt nicht betroffen, sondern kann seine Trümpfe voll ausspielen.

Profitiert von der Ölkrise haben in letzter Zeit auch Preussag und Gelsenberg. Die Gründe sind in erster Linie psychologischer Natur. Richtig ist, daß Gelsenberg besser verdient als im Jahr zuvor. Sonst hätte der Vorstand sicherlich nicht die Wiederaufnahme der Dividendenzahlungen ankündigen können. Bei der Preussag hofft man, daß das Unternehmen zumindest am Explorationsgeschäft gut verdienen wird. Skeptiker meinen allerdings, daß hinter den jüngsten Kurssteigerungen nichts anderes steht als der Wunsch des Großaktionärs, der Westdeutschen Landesbank, den Abschreibungsbedarf auf das Preussag-Paket zu verringern. K. W.