Am Kilometerstein 101 auf der Straße von Kairo nach Suez haben ein israelischer und ein ägyptischer Generalmajor am Sonntag ihre Unterschrift unter ein Dokument gesetzt, das der erste Schritt auf dem Weg zum Frieden im Nahen Osten sein könnte: die Vereinbarung über den Waffenstillstand an der israelischägyptischen Front.

Unter der Flagge der Vereinten Nationen, in einem von UN-Soldaten aufgebauten und bewachten Zelt, trafen sich um 15 Uhr die Generäle Aharon Yariv und Abdel Ghani Gamasi mit ihren Delegationen, gaben sich die Hand und vollzogen die erste gemeinsame Rechtshandlung seit 24 Jahren. „Gastgeber“ war der Befehlshaber der UN-Sicherheitstruppe, Generalmajor Siilasvou (Finnland).

Die Vereinbarung in sechs Punkten war vom amerikanischen Außenminister Kissinger während seiner Fünf-Länder-Blitztour am Mittwoch voriger Woche in Kairo ausgehandelt worden. Kissinger hatte nach dreistündiger Unterredung mit Präsident Sadat auch die Wiederaufnahme der diplomatischen Beziehungen zwischen Washington und Kairo vereinbart und optimistisch erklärt: „Ich glaube, wir bewegen uns in Richtung Frieden.“ Sadat: „Ich stimme dem bei.“ Daraufhin schickte Kissinger Unterstaatssekretär Sisco nach Israel, der die Regierung in Jerusalem zur Annahme des Planes bewegen konnte.

  • Ägypten und Israel vereinbaren, den Waffenstillstand gewissenhaft zu beachten;
  • beide Seiten verhandeln sofort über eine Rückkehr auf die Positionen vom 22. Oktober (Zeitpunkt der Waffenstillstandsresolution des Sicherheitsrates)
  • die Stadt Suez erhält alle nötigen zivilen Versorgungsgüter, verwundete Zivilisten werden evakuiert;
  • nichtmilitärischer Nachschub zur eingeschlossenen dritten ägyptischen Armee auf dem Ostufer wird nicht behindert;
  • Übernahme der Kontrollpunkte an der Straße Kairo–Suez durch UN-Soldaten;
  • anschließend Austausch der Kriegsgefangenen und Verwundeten.

Bei der Realisierung der Waffenruhe-Vereinbarungen sind bereits die ersten Schwierigkeiten entstanden. In der Knesseth sagte Golda Meir am Dienstag, Israel sei nicht bereit, sich „auf die imaginäre und unwirkliche Linie des 22. Oktober“ zurückzuziehen. Man könne sich nicht auf etwas zurückziehen, was es gar nicht gebe.

Darüber hinaus kam es zu handgreiflichen Auseinandersetzungen zwischen israelischen Soldaten und finnischen „Blauhelmen“, als die Israelis am Montag einen ohne ihre Einwilligung von UN-Soldaten errichteten Kontrollpunkt demontierten und die Flagge der Vereinten Nationen einzogen. Erst als Generalmajor Siilasvou intervenierte, wurde der UN-Kontrollpunkt wieder etabliert.

Die beiden Generale Yariv und Gamasi – Unterzeichner der Waffenstillstandsvereinbarungen – trafen sich am Montag abermals am Kilometerstein 101. Über den Inhalt des längeren Gesprächs wurde nichts bekannt. Am selben Tag teilte ein ägyptischer Militärsprecher mit, daß sein Land die Namen von 110 israelischen Kriegsgefangenen übermittelt habe. Die vollständigen Listen erhalte das Internationale Komitee vom Roten Kreuz in den nächsten Tagen.

Viel sorgenvoller sieht Israel die Lage seiner Gefangenen in Syrien. Die Syrer haben bisher keiner Vereinbarung zugestimmt. Gefangene des Sechstagekrieges 1967 kamen in sehr schlechtem Zustand aus Syrien nach Israel zurück.