Systemkritiker wollen Sportvereine boykottieren

Von Karl Morgenstern

Der Spitzensport ist eine überwiegend abstrakte Form der körperlichen Betätigung, bei der es um die effektive Umbesetzung sportlicher Fertigkeiten in Höchstleistungen geht. Der Spitzensport erfüllt sehr wesentliche politische Funktionen für das Gesamtsystem des staatsmonopolistischen Kapitalismus. Die Spitzensportler sind weitgehend Objekte einer von ihnen vielfach nicht gewollten und politisch unbegriffenen Strategie.“ Der Mann, der diese Maxime formuliert, ist Tutor an der Bremer Universität, von ihren Gegnern als „rote Kaderschmiede“ apostrophiert, von ihren Verfechtern zum richtungweisenden Modell in der Bundesrepublik deklariert, von vielen wohlmeinenden und fortschrittlichen Kräften in Deutschland allerdings in zunehmendem Maße auch mit großer Skepsis betrachtet. Für Peter Weinberg, 27, Student der Sozial- und Sportwissenschaften, ist der Sport in der Bundesrepublik systemstabilisierend.

Also sind alle Maßnahmen der Bundesregierung zur Förderung des Spitzensports und in bestimmtem Maße auch des Breitensports „Bestandteil staatsmonopolistischer Formierungen im Interesse der Herrschenden, denen ‚aus der Natur der Sache‘ und unter ‚Maßgabe gesamtstaatlicher Interessen‘ sehr an der Förderung des Spitzensports gelegen ist“. Daraus folgern Weinberg & Co., Wortführer der „Linken“ an der Bremer Universität, zwangsläufig: Spitzensport ist systemerhaltend, dient dem Staatsmonopolismus- und ist grundsätzlich abzulehnen und zu bekämpfen. Diese postulierte Leistungsfeindlichkeit, die einem bestimmten Kreis gleichermaßen leistungs- und sportfeindlicher Studenten, die nichtsdestotrotz Sport als Studienfach gewählt haben, sehr entgegenkommt, ist jetzt in Bremen – hier wird die Theorie dieser Klassenkämpfer aus den Gefilden des Hochschulsports zur Praxis – im Falle eines angesehenen Sportvereins in aller Offenheit demonstriert worden. Die Hallenhandballbundesligamannschaft des TV Grambke wird sich wohl oder übel damit abfinden müssen, daß es, auf die Dauer gesehen, keine Partnerschaft zwischen dem 28jährigen Jung-Professor Hans-Jürgen Schulke und seinen Tutoren und Studenten auf der einen Seite und den Bundesligaspielern des TV Grambke auf der anderen Seite geben wird.

Weil besagtem TV Grambke von der Universitätsverwaltung – in Anlehnung an das vielpropagierte Verflechtungsprinzip von Universität, Bevölkerung und Vereinen – Trainingsstunden in der Universitätssporthalle eingeräumt worden sind, probten die Gegner des Leistungssports den Aufstand. Wilfried Lemke, 26, wissenschaftlicher Planer, de facto selbst ein „Linker“, wurde von den Systemkritikern ins Kreuzverhör genommen. „Selbstkritische Stellungnahmen“, wie gehabt, wurden ihm nahegelegt, die Szene wurde zum Tribunal, der Mann, der dem TV Grambke und seinen „Leisturigsfetischisten“ die Tore zur Universität geöffnet hatte, duckte sich unter den Fragen und Klagen: „Du hast keinen Klassenstandpunkt eingenommen. Der TV Grambke ist schließlich kein Arbeitersportverein“ – „Sport und herrschende Klasse sind eine Einheit, hast du das vergessen?“ – „Willi, bist du wirklich der Auffassung, daß es im Sport keine Klassengegensätze gibt?“ – „Man soll nicht meinen, daß der Klassenkampf im Sport ausgeräumt sei, er ist nur verschoben“ – „Du hast einfach keinen Klassenstandpunkt eingenommen“. Der „Angeklagte“ wand sich. Es war nicht einmal allein der Inhalt der Kreuzfragen, der ihn so sehr erschütterte. Penetranter war die Art, wie Studenten und Tutoren ihn behandelten. Seine Argumente und Erklärungen, wahrlich nicht immer glücklich formuliert, prallten an einer Mauer ab: Eiskalte Überlegenheit, spöttisches hämisches Grinsen, arrogante Selbstherrlichkeit zeichnete die Majorität seiner Kritiker aus. Toleranz war kaum gefragt.

Den vermeintlichen Klassenstandpunkt – vielfach war es mehr Demagogie denn Dialektik – vertraten vielfach Geister, denen es an Sachkenntnis gebrach, denen die Welt des Sports bis heute weitgehend unbekannt geblieben ist. Totale Weltfremdheit mischte sich mit alberner Besserwisserei und der demagogische Gipfel war die Erklärung einer Studentin: „Der TV Grambke wurde anderen Vereinen vorgezogen. Also war er privilegiert. Gegen diese Privilegierung können und müssen wir vorgehen.“

Was sind Auswüchse?