Von Carl-Christian Kaiser

Wiesbaden, im November

Neben mancherlei anderen, für Liberale geeigneten Erkenntnissen aus dem Fundus der Dichter und Denker hielt Walter Scheel für den FDP-Parteitag auch eine Sentenz Jean Amerys bereit: „Der moderne Liberale“, so zitierte er den französischen Philosophen, „vertraut nur seiner Vernunft, aber er traut ihr nicht über den Weg.“

Eben dies galt auch für die Stimmung, in der sich die 400 Delegierten in Wiesbaden versammelten. Zwar war nichts mehr von jener nervösen, eher krampfhaften Zuversicht zu spüren, die noch vor einem Jahr den Freiburger Wahlparteitag bestimmt hatte. Zwölf Monate nach den Bundestagswahlen fühlen sich die Freien Demokraten auf einem Höhenflug, und dies zu Recht: Die Demoskopen bescheinigen ihnen und ihrem Parteivorsitzenden eine Popularität, die sie lange Zeit entbehren mußten.

Dennoch: So sehr die Liberalen im Moment auf die Wählergunst vertrauen können, sie trauen ihr nicht ganz über den Weg. Trotz aller Zufriedenheit war die Stimmung in der Rhein-Main-Halle ambivalent. Daraus erklärt sich auch, daß sofort nach Scheels Eröffnungsrede nicht Jubel und Begeisterung, sondern eine Welle der Selbstkritik hochschäumte. Man dürfe, so warnte der Reihe nach ein halbes Dutzend meist jüngerer Delegierter, nicht in Selbstgerechtigkeit und Selbstüberschätzung verfallen; die augenblickliche Popularität sei ein ungedeckter Scheck, weil sie auf den Wirrnissen in den beiden großen Parteien, beruhe; ein volles Jahr lang habe darum auch die Koalition nicht deutlich machen können, was sie innenpolitisch von anderen Bündnissen unterscheide.

In der Tat war Walter Scheels Rede um eine Spur zu euphorisch und auch zu selbstbewußt. Der Vorsitzende neigt neuerdings zum „Ich“-Stil – so, als er dem Parteivolk schlankweg jede Auskunft über den Stand der Mitbestimmungsberatungen mitden Sozialdemokraten verweigerte und statt dessen dekretierte, daß es die FDP-Unterhändler der Partei schon recht machen würden: „sie haben mein Vertrauen, sie verdienen Ihr vertrauen.“

Die Rede war glatt geschliffen wie ein Kieselstein. Zwar sprach Scheel davon, daß der Liberalismus in einer kritischen Phase sei und auf die „geistigen Fragen unserer Zeit eine theoretische Antwort geben“ müsse. Doch, gleich darauf folgte der Satz: „Unser Land ist in Ordnung.“ Zwar geißelte er die Neigungen der CDU/CSU, den Staat weiterhin als „Gendarm des Status quo“ zu verstehen. Aber das war mit dem milden Rat an die Union verbunden, endlich eine aufgeklärte konservative Partei zu werden. Zwar wandte er sich gegen jene Strömungen in der SPD, den „Staat als Vormund für Unmündige“ zu installieren. Doch das ging einher mit der Feststellung, die Koalitionsfraktionen arbeiteten gut zusammen, die Regierung funktioniere.