Zur kommenden Wintersaison kündigt Zürs die Premiere des "ersten europäischen Triple Chair Lifts" an. Hinter der hochtrabenden Bezeichnung verbirgt sich schlicht ein Dreipersonen Sessellift. Er soll den müden Schlepper ersetzen, mit dessen Hilfe RüfikopfAbfahrer auf dem "Weg zum Hexenboden die kleine Gegensteigung an der Trittalm zu meistern pflegten.

Das wäre dann auch schon die aufregendste Neuheit vom Arlberg. Denn so fortschrittlich, wie sie tönen, sind die Zürser und ihre Nachbarn gar nicht (Viele sagen: Gott sei Dank! Aber darauf kommen wir noch zurück ) Ganze zwei Jahre ist es her, seit die Skiorte rund um den Arlberg sich zum erstenmal mit einer gemeinsamen Werbeaktion der Öffentlichkeit vorgestellt haben. Wenn man weiß, wie eigensinnig hierorts lokale und familiäre Interessen verfolgt werden, und wenn man daran denkt, daß sich quer durch das Revier gar eine Landesgrenze windet — Sankt Anton mit Sankt Christoph ist tirolerisch, Stuben, Zürs und Lech gehören zu Vorarlberg — dann kann man sich leicht vorstellen, welche Überwindungskraft die neue Gemeinsamkeit ge ; fordert hat.

Dabei war die konzertierte Aktion seit langem fällig. Der Arlberg ist von der skifahrenden Welt schon immer als geschlossenes Revier, als Einheit verstanden worden. Die üppig in Weiß und Blau schwelgende Panoramakarte des Gemeinschaftsprospektes, die augenblicklich den Wunsch weckt, alles stehen und liegen zu lassen, die Skier zu packen und in das gleißende Licht unendlicher Schneeparadiese einzutauchen, bestätigt die landläufige Vorstellung.

Am Arlberg gibt es acht Luftseilbahnen, eine Standseilbahn, elf Sessellifte, etwa vierzig Schlepplifte. Alle Aufstiegshilfen zusammen bringen eine Beförderungskapazität von 35 000 Personen in der Stunde auf und erschließen an die 300 Abfahrtskilometer. Darunter sind große, weithin klingende Namen wie Valluga, Albona, Kapall, Trittkopf, Mahdloch, Mohnenfluh. Aber auch Delikatessen, nach denen sich Kenner und Könner die Zunge lecken: Schindlerkar, Pazieltal, Wiesele, Stierloch, Langer Zug und Zuger Tobel. Schließlich Tourenziele für Tiefschneeund Firnspezialisten, jetzt auch zunehmend mit dem Helikopter angesteuert, wie Kaltenberg und Leutkirchner Hütte, Wöster und Eisenscharte, Karhorn und Mehlsack. Ein abwechslungsreicheres und interessanteres Skigebiet von dieser Ausdehnung ist mir in den Ostalpen nicht bekannt. Doch die imponierenden Zahlenadditionen versprechen mehr, als der Skifahreralltag am Arlberg hält. Da haben wir es nämlich doch wieder mit drei getrennten Gebieten zu tun: Während die Gruppe Stuben—Langen wegen ihrer geringen Bettenkapazität im Grunde nur als (sehr reizvolles) Accessoire anzusehen ist, stellen sich Sankt Anton—Sankt Christoph einerseits und Zürs— Lech andererseits als zwei etwa gleichwertige Blöcke dar, die sich nicht zusammenfügen lassen. Schuld daran ist vor allem der Renommierberg von Sankt Anton, die denkbar ungeschickt im Wege stehende 2811 Meter hohe Valluga. Doch jetzt soll das Bollwerk ernsthaft berannt werden, die Pläne liegen schon auf dem Tisch: Von der Trittkopf Bergstation soll ein 500 Meter langer Stollen ins Pazieltal geschlagen und Von seinem Ausgang eine Seilbahn zum Vallugagrat errichtet werden. Damit könnte die Valluga zur Drehscheibe für das Skivolk von beiden Seiten werden, das dann auch in beiden Richtungen abfahren kann. Eine aufwendige, technische Konstruktion, die wohl noch Jahre auf sich warten lassen wird.

Hoffentlich muß man nicht ebenso lange auf den längst fälligen, für alle Arlbergorte geltenden gemeinsamen Skipaß warten. Solange es außer einer finanziell uninteressanten Punktekarte, dem Arlbergblock, noch drei verschiedene Skipässe im Revier gibt, steht "der Arlberg" als Großraumgebiet praktisch nur als pompöses Panorama auf dem Prospektpapier.

Der Arlberg ist kein Schneeparadies für jedermann. Winterfreuden ohne Skier sind sparsam bemessen. Es gibt nicht viele Spazierwege (die meisten in Lech) und kein öffentliches Hallenbad. Sankt Anton und Lech haben auch Langlaufloipen und je einen Natureisplatz, aber das ist dann schon so ziemlich alles. Kein Wunder, daß die Nichtskifahrer schwach vertreten sind, etwa fünf Prozent, meist zu junge, zu alte oder zu zaghafte Anhängsel einer im übrigen skibegeisterten Familie. Passionierte Pistenfans und talentierte Tiefschneetechniker beherrschen das Feld. Man muß schon bis nach Zermatt oder Val dIsere gehen, um ein gleich hohes Niveau zu finden. Es gibt zwar überall Übungshänge und auch leichte Pisten für Anfänger. Doch wer vom Arlberg spricht, denkt vor allem an Abfahrten, die Können und Kondition verlangen. Skisäuglinge mögen sich da leicht Depressionen zuziehen.

Zweitens denkt, wer vom Arlberg spricht, an die Skischule. Sie ist die Hüterin einer großen Tradition, und Traditionen gelten zwischen Sankt Anton und Lech noch etwas. Hier kann man mit Paten aufwarten, die Skigeschichte gemacht haben. Um die Jahrhundertwende wurde in Sänkt Christoph der erste Skiklub gegründet und das erste Abfahrtsrennen veranstaltet. Sänkt Anton ist Geburtsort des Skipioniers Hannes Schneider, der hier in den zwanziger Jahren die zu Weltruhm gelangte Arlbergtechnik entwickelte und den Gruppenunterricht erfand. In Sankt Anton ist auch das erste Arlberg KandaharRennen veranstaltet worden. Von Zürs ist zu melden, daß es 1939 den ersten und für einige Zeit auch längsten Skilift Österreichs besaß — den Zürserseelift.