Von Karl W. Böddeker

Der „blaue Planet“, wie ihn die Astronauten gesehen haben, strahlt eine trügerische Belebtheit aus. Was da strahlt, ist eine ungeheure Salzlake, ebenso lebensfeindlich für den Menschen und kaum zugänglicher als die Meere des Mondes. Nicht zufällig fallen die Erschließung von Raum und Meer in eine gemeinsame Epoche: Bei aller Verschiedenheit der Motive verbleibt, daß nur ein für beide Bereiche gleichermaßen hoher Stand und Einsatz der Ingenieurskunst dem Menschen das Arbeiten außerhalb der „festen Erde“ ermöglicht. Die Interocean ’73 (Zweiter Internationaler Kongreß mit Ausstellung für Meeresforschung und Meeresnutzung, Düsseldorf, 13. bis 18. November 1973) ist denn auch in erster Linie eine Darstellung des komplizierten Rüstzeugs der Meereserschließung. In zweiter Linie macht sie offenbar, wie mit jeder neuen Technologie der Abstand zwischen arm und reich größer wird.

Das „feste Land“, auf Inseln ungleich über den Globus verteilt, bedeckt ein Viertel der Erdoberfläche (das bewohnbare Land viel weniger). Alles übrige ist „Meer“, durchschnittlich 3800 Meter tief, über einem Meeresboden, der mindestens so vielgestaltig ist wie der Landboden, wenn auch nach vorläufiger Kenntnis weniger vielfältig in seiner mineralischen Zusammensetzung.

Das Meerwasser enthält sämtliche Zutaten der technisch-materiellen Glückseligkeit in schier unerschöpflichen Mengen: Puffer nicht nur für das Großklima der Erde, sondern auch für die Ängste einer wachstumskranken Menschheit. Kochsalz und Heringe sind die seit alters her genutzten Hauptbestandteile. Darüber hinaus enthält das Meer nahezu alles. Praktisch sämtliche Elemente und somit alle nutzbaren Metalle sind inzwischen nachgewiesen worden, in Spuren zumeist, die dennoch in der Summation über die gesamte Meerwassermenge zu riesigen Vorratsposten anschwellen: 5,5 Millionen Tonnen Gold enthält das Weltmeer, 4,5 Milliarden Tonnen Uran, ebensoviel Kupfer, Zinn und Blei, um nur einige zu nennen.

Aber stehen diese Vorräte wirklich zur Verfügung? Man erinnert sich der vergeblichen Versuche Fritz Habers, den Goldvorrat des Meeres zur Deckung der deutschen Kriegsschulden nach dem Ersten Weltkrieg anzuzapfen: Der „Abbau“ erwies sich als zu teuer. Heute rückt die Gewinnung von Uran aus dem Meer in den Bereich des Möglichen, in naher Zukunft vielleicht schon des Notwendigen. Vorerst aber ist das Magnesium, dessen Vorrat die „landläufigen“ Zahlenbegriffe übersteigt, das einzige in nennenswertem Umfang (60 Prozent der Weltproduktion) aus Meerwasser gewonnene Nutzmetall.

Ein ganz andersartiger Rohstoff aus Meerwasser ist Gegenstand einer eigenen Industrie geworden: Das Wasser selbst. An die 1,5 Millionen Kubikmeter Süßwasser werden zur Zeit täglich aus Meerwasser erzeugt – Beispiel für das erzwungene Ausweichen auf die Reserven des Meeres angesichts eines Mangels an Land. Wenn, wie vermutet wird, Wasserstoff einmal unser Hauptkraftstoff sein wird, ist das Meer in doppelter Hinsicht Rohstofflieferant: Wasser, bei dessen elektrolytischer Zerlegung Wasserstoff entsteht, und Uran, das auf dem Wege über Kernkraftwerke den benötigten Strom liefert, sind die langfristigen Energiereserven der Erde.

Während die Ergiebigkeit des Meerwassers also bekannt, die Nutzung nur noch eine Frage der technischen Möglichkeit und der Dringlichkeit des Bedarfs ist, steht die Prospektion des Meeresbodens, insbesondere des Tiefseebodens, eher noch am Anfang. Lediglich die „Schelfmeere“, Randzonen des Ozeans vor den Küsten, deren Boden geologisch eine meerwasserüberspülte Fortsetzung des Festlandes ist, nehmen eine Sonderstellung ein. Es sind die einzigen Meeresteile – bei uns zählen Nord- und Ostsee dazu –, bei denen von einer Nutzung die Rede sein kann. Neben Mineralien (Sand bis Diamanten) liefert der Schelfboden vor allem Erdgas und schon heute ein Fünftel des geförderten Erdöls.