Ansatz zu dieser Erkenntnis findet sich bereits im ersten Jahresgutachten. In den letzten Jahresgutachten des Rates ist dieser Gedanke mit restloser Klarheit behandelt.

Der Vorwurf, der Sachverständigenrat mißachte in vielen seiner Anregungen zu währungspolitischen Fragen die Integrationsverpflichtungen der Bundesrepublik gegenüber der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft, konzentrierte sich lange Zeit insbesondere auf die Integrationsbemühungen der EWG im Agrarbereich. Der Vorwurf der Desintegration bezog sich in diesem Falle weniger auf den Aspekt der funktionalen Integration durch Beseitigung der Handelsschranken zwischen den Mitgliedsländern, sondern auf die in diesem Bereich besonders stark ausgebauten Regelungen zur administrativen • Kontrolle der EWG-Agrarmärkte.

Das wesentliche Merkmal dieser (zum Teil für die einzelnen Produkte voneinander mehr oder weniger stark abweichenden) Regelungen ist die gemeinsame Festsetzung von Preisuntergrenzen, bei denen die einzelnen Regierungen zu Eingriffen in das Marktgeschehen durch Aufkauf und Einlagerung verpflichtet sind. Diese Preisuntergrenzen wurden in den Währungen der einzelnen Mitgliedsländer auf der Basis der fixierten Währungsparitäten festgelegt. Bei fühlbaren Abweichungen der Wechselkurse von den festgesetzten Paritäten gibt es in diesem Falle bei offenen Grenzen einen Anreiz zu Güterbewegungen in die Länder, deren Währungen sich an den Devisenmärkten relativ am stärksten aufwerten.

Technisch hätte dieses Problem seit jeher auch bei größerer Flexibilität der Wechselkurse zwischen den EWG-Währungen ganz einfach dadurch gelöst werden können, daß man die Interventionsgrenzen der Preisbewegungen in den einzelnen Währungen nicht auf der Basis der jeweiligen Paritäten, sondern auf der Basis des jeweils geltenden Wechselkurses festgesetzt hätte. Dies hätte selbstverständlich die Möglichkeit stärkerer Schwankungen der Interventionspreise in den einzelnen Landeswährungen mit sich gebracht. Aus politischen (genauer: wahltaktischen) Gründen glaubte man dieser vermeintlichen Gefahr unter allen Umständen ausweichen zu müssen.

Inzwischen sind die EWG-Agrarmarktregelungen allgemein als ökonomisch unhaltbar erkannt worden, ist das Prinzip des Freihandels in Agrarprodukten zwischen den EWG-Ländern gerade wegen massiver politischer Widerstände so weitgehend aufgehoben, daß das Argument der Funktionsstörung der Agrarmärkte durch währungspolitische Regelungen kaum mehr ernsthaft vorgebracht wird. Fast alle Beteiligten dürften sich inzwischen zu der Ansicht durchgerungen haben, daß man die agrarpolitischen Regelungen von vornherein den übergeordneten währungspolitischen Belangen hätte unterordnen müssen, nicht umgekehrt die Währungs- und Konjunkturpolitik der EWG-Länder den politisch so diffizilen Problemen eines Sektors, der in den hochentwickelten westeuropäischen Industrieländern nur einen relativ kleinen und ständig abnehmenden Bruchteil des gesamten Sozialprodukts beisteuert.

Damit soll selbstverständlich keineswegs die Notwendigkeit einer auch sozialpolitisch ausgeglichenen Behandlung des Agrarsektors bestritten werden. Leider ließ die politische Phantasie der Regierungen in dieser Hinsicht bisher einiges zu wünschen übrig, wenn auch nicht geleugnet werden soll, daß es in diesem Bereich besonders schwer fallen dürfte, es allen Beteiligten recht zu machen.

Die Entwicklung hat auch in diesem Bereich die vom Rat vertretene Linie voll bestätigt. Allzu häufig wurde früher gegen ihn der Vorwurf erhoben, er vertrete eine zu einseitig nationalistische, die weltwirtschaftliche Integration und die Interessen anderer Länder unzureichend berücksichtigende Politik. Wenn der Sachverständigenrat des öfteren vor der allzu starken Dominanz von EWG-Partialinteressen warnte, so war dies, wie sich im weiteren Verlauf immer wieder herausstellte, nicht nur aus nationalökonomischer Sicht wohl begründet, sondern ebenso aus der Sicht einer ausgewogenen Außenpolitik, wenn man die weltpolitische und weltwirtschaftliche Bühne insgesamt betrachtet und außenpolitische Rücksichtnahme nicht nur einseitig im Sinne eines supranationalen „EWG-Nationalismus“ versteht.