Bundeskanzler, lärmgeschädigt

Bundeskanzler Brandt ist von dem Neubau seines Amtssitzes, mit dem Anfang Dezember begonnen wird, direkt betroffen. Um dem Baulärm zu entgehen, wird er demnächst sein Dienstzimmer im Palais Schaumburg räumen und mit seinen engsten Mitarbeitern in den Bungalow im Park des Kanzleramtes umziehen. Die Gesamtkosten für das neue Kanzleramt, das in der Nachbarschaft des Palais Schaumburg entstehen wird, sind auf 106 Millionen Mark veranschlagt.

Kunst im Knast

Auf Veranlassung von Bundesjustizminister Jahn werden zur Zeit Gemälde und Werkarbeiten gesammelt, die von Häftlingen in deutschen Gefängnissen stammen. Unter dem Titel „Kunst im Knast“ sollen sie zunächst im Justizministerium gezeigt und im kommenden Jahr als Wanderausstellung in zahlreichen deutschen Städten präsentiert werden.

Patriotisches Stimulans

Eine Dame im straff sitzenden dunklen Kostüm bemühte sich, freundliche Miene zu machen: Oberst Jozefa Siemaszkiewicz, stellvertretende Leiterin der „Administrationsabteilung“ des ZK der polnischen Kommunisten und lange Jahre im Warschauer Innenministerium zuständig für Auseinandersetzungen mit der katholischen Kirche, durfte dem Papst die Hand schütteln. Sie blickte dem polnischen Außenminister Olszowski sozusagen über die Schultern, als dieser Anfang der Woche einen entscheidenden Schritt zum großen „Modus vivendi“ nicht nur mit dem Vatikan, sondern auch mit der polnischen Kirche tat. Im Auftrag seines pragmatischen Parteichefs demonstrierte er dem „Heiligen Vater“ (so titulierte er den Papst sogar öffentlich), daß sich die Warschauer Führung selbst durch heftigste Hirtenbriefe nicht mehr in Harnisch bringen läßt, ja daß sie sogar ihre liebste Waffe strecken will: die Taktik, den Vatikan gegen den einheimischen Episkopat auszuspielen. Der innere Frieden ist es Gierek wert, daß er – wie Olszowski in Rom offen sagte – die Religion seiner Landsleute nicht als Opium, sondern als patriotisches Stimulans für den Aufbau des Landes deklariert.

Späte Rache