Die Musikpolitik der DDR schirmt die eigenen Komponisten von westlichen Einflüssen weitgehend ab und gibt sich kaum Mühe, sie im westlichen Ausland zu propagieren, wo sie – zum Teil sicherlich – das Ansehen ihres Staates mehren könnten. So ist auch Ernst Hermann Meyer bei uns so gut wie unbekannt; dies ist um so bedauerlicher, als Meyer diese offizielle Musikpolitik aus mannigfachen öffentlichen Funktionen heraus mitbestimmt – heute ist er sogar Mitglied des ZK der SED.

Meyers 1952 erschienenes Buch „Musik im Zeitgeschehen“ war während vieler Jahre Richtschnur für alle Diskussionen über den sozialistischen Realismus in der Musik; seinem „Mansfelder Oratorium“ kam ähnliche Bedeutung für die kompositorische Praxis zu. Ernst Hermann Meyer, Jahrgang 1905, war Schüler unter anderem von Hanns Eisler und Paul Hindemith, promovierte in Heidelberg (über Spielmusik des 17. Jahrhunderts), lebte während des Dritten Reiches in England, wurde 1948 Ordinarius für Musiksoziologie an der Ostberliner Humboldt-Universität, erhielt bislang dreimal den Nationalpreis und ist heute Präsident des Komponistenverbandes der DDR.

Im eigenen Land ist er jedoch keineswegs unumstritten. In Brechts Arbeitsjournal schon findet sich unter dem 15. 11. 1952 die böse Bemerkung, er – Brecht – habe Paul Dessau geraten, „die ihm vorgestellten Beispiele Meyerscher Oratorienmusik mit ihrem Schmalzersatz und Kunsthonig zu mißachten“.

Zumindest Meyers erste Oper „Reiter der Nacht“, die jetzt an der Ostberliner Staatsoper uraufgeführt wurde, hat diesem Satz seine Berechtigung nicht genommen; denn fast alles, was dieser Abend bot, war second band – mit Ausnahme der handwerklichen Seite in allen Bereichen (Inszenierung: Joachim Herz; musikalische Leitung: Heinz Fricke).

Gezeigt wurde die Geschichte des Lanny Swartz, der nach seiner Ausbildung als Lehrer in Kapstadt in sein Heimatdorf zurückkehrt. Dort aber stößt er auf den Widerstand der herrschenden weißen Minderheit, die durch seine Bildungsarbeit ihre Privilegien gefährdet sieht. Zwischen seiner schwarzen Studienfreundin Celia und der Gouverneursnichte Sarie stehend, entscheidet er sich für das weiße Mädchen und wird zusammen mit ihr auf der Flucht erschossen.

Die Bedeutung, Schwere und Grausamkeit des afrikanischen Befreiungskampfes wird hier auf die bescheidenen Maße traditionellen Operntheaters verniedlicht. Plakativ werden Schwarze als gut, Weiße als faschistisch hingestellt; die ungeheuren gesellschaftspolitischen Antagonismen sind auf ein sentimentales Dreiecksverhältnis zurückgeschraubt. Besonders deutlich wird diese Diskrepanz bei eingeblendeten Photos und Filmen von tätlichen Auseinandersetzungen zwischen schwarzer Bevölkerung und weißer Polizei.

Eine solche Peinlichkeit kann nur dann und dort auf die Opernbühne gelangen, wo Oper als Institution noch völlig ungebrochen ist und wo wichtige Stoffe bedenkenlos in überkommene Schemata gepreßt werden können. „Ich möchte so gern mit diesem Werk der Sache der afrikanischen Völker nützlich sein“, schreibt Ernst Hermann Meyer geradezu rührend im Programmheft.