Der siebente Schriftstellerkongreß der DDR

Von Dieter Hildebrandt Am Freitagabend – eine Aufführung von Heiner Müllers „Zement“ im Berliner Ensemble war gerade zu Ende – lief der Satz über das Leuchtband, das die Friedrichstraße überquert: „Anna Seghers als Präsidentin des Schriftsteller Verbandes wiedergewählt.“

Die nächtliche Nachricht inmitten der Meldungen aus aller Welt besagt mehr als nur den Wortlaut. Sie zeugte von der zentralen Rolle, die den Schriftstellern in der DDR derzeit zugeschrieben wird. Sie gab Auskunft über die Dringlichkeit des Wunsches der Partei, mit ihren Autoren im doppelten Verstände Staat zu machen und die alte Feuilletonwendung vom Wort als Waffe zu einer neuen, konkreten Griffigkeit zu schmieden. Dabei war die Seghers-Leuchtzeile nur der Reflex einer Publizität, wie es sie in Sachen Literatur überhaupt noch nicht gegeben hat. Der VII. Schriftstellerkongreß der DDR, vom 14. bis zum 16. November in Ost-Berlin versammelt, war in der Presse monate- und seitenlang mit Interviews, Materialien und Leserbriefen vorbereitet worden; nun aber, als es richtig losging, wurde er behandelt wie eine Haupt- und Staatsaktion: Vier Tage lang diente er den Zeitungen als Aufmacher auf der ersten Seite.

Vorne im Neuen Deutschland

Ein „herzlicher Gruß und Dank den Schriftstellern der DDR“ von Erich Honecker im Namen der SED wurde am Eröffnungstag bekanntgemacht; „Literatur – dem sozialistischen Leben untrennbar verbunden“ war die Schlagzeile des zweiten, von dem wiederum am dritten eine „ideenreiche Beratung über das literarische Schaffen“ gemeldet wurde, bis schließlich, am Samstag, zwar ein Gespräch zwischen Honecker und Marschall Gretschko vorrangig aufgemacht war, dafür aber der Schriftstellerverband gleich zweimal sich groß zu Wort meldete, einmal mit einem Gruß an das Zentralkomitee der Partei, zum andern mit der Voraussicht: „Impulse für neue bewegende Werke unserer sozialistischen Literatur.“

Nein, mit soviel politischer, gesellschaftlicher, offizieller Autorität sind deutsche Autoren noch nie ausgestattet worden wie in diesen Tagen am Alexanderplatz, der literarischsten Gegend Berlins. Erich Honecker saß auch nicht nur so eben dabei, fürs Begrüßungszeremoniell, und er war auch nicht nur der aufmerksame Zuhörer, als der er mehrfach gerühmt wurde, er beschränkte sich auch nicht nur aufs offizielle Grußwort mit der Erwartung, die Autoren sollten „stärker noch danach streben, das Neue in dieser Wirklichkeit zu entdecken“, und „auf die nur der Literatur eigene Weise zur Herausbildung sozialistischer Uberzeugungen ihrer Leser“ beitragen, er redete auch am Rande des Kongresses ein Wörtchen mit, ein Photo (das übrigens in den Fernausgaben des „Neuen Deutschland“ fehlte) zeigt ihn in einem offensichtlich etwas pädagogisch getönten Gespräch mit Ulrich Plenzdorf, dessen Theaterstück („Die neuen Leiden des jungen W.“) er bei parteioffizieller Gelegenheit mit der Bemerkung gerügt hatte, es gehe nicht an, private Leiden als gesellschaftliche auszugeben.

Gerade aber die aus offizieller. Wertschätzung und individuellem Selbstbewußtsein des Autors entstehenden Spannungen waren eins der Themen des Kongresses, und nur, wer das übersieht, kann meinen, es sei alles beim alten, bei den alten Vokabeln von Parteiverbundenheit und Vielfalt, vom Arbeitshelden und dem ideologischen Kampf geblieben. Schreiben war ja für die DDR in völlig anderer gesellschaftlicher Situation so etwas wie Jazz in Amerika. Es ist, in ziemlich deutlichen gesellschaftlichen Strukturen, der kürzeste Weg zur Emanzipation, zu einer aufregenden Selbständigkeit. Dem widerspricht nicht, was Hermann Kant jetzt gesagt hat: „Wer sich hier ans Schreiben macht, gründet, im Verständnis der Öffentlichkeit, einen volkseigenen Betrieb ...“ Die DDR hat das Lesen demokratisiert und damit das Schreiben zu einer der größten Begehrlichkeiten gemacht. Bei soviel Publikum, wer wollte da nicht der sein, der zu ihm spricht? (Zu Erwin Strittmatter, so wurde jetzt berichtet, kommen die Leute mit Bussen angereist.) Aber der Konflikt, der nach der Bitterfelder Kampagne sich ergab, war der, daß nicht mehr das Beschriebene problematisch war, sondern das Schreiben selbst. Was Wunder, daß zum Thema der Schriftsteller der Schriftsteller wurde.