Seit einiger Zeit hat sich, wie es scheint, ein Widerspruch aufgetan. Einerseits werden Jahr für Jahr Wohnungen in nie für möglich gehaltenen Mengen und mit teilweise beachtlichem Komfort gebaut, schießen Hochhäuser unglaublich schnell in immer schwindelndere Höhen, überspannen Brücken ständig größere Weiten, so daß es in technologischer Hinsicht keinen Zweifel gibt: ein Bautriumph, der alles bisher Dagewesene in den Schatten stellt.

Andererseits wird diese Umwelt, die wir uns bauen, immer öfter so apostrophiert: „trostlose Zementmonster“, „frustrierende Behausungsbehälter“, „erdrückende Betongebirge“. Die Stadt ist demzufolge kein Ort der Begegnung, des Wohlbefindens, des freien und kreativen Geistes mehr, sondern eher Würgeisen für ihre Bewohner ein lebens- und menschenfeindliches Gebilde.

Schwer, aus diesem verwirrenden Pro und Kontra die Wahrheit zu finden. Dies um so mehr, als von der Kritik oft nicht die vermeintlichen oder tatsächlichen öffentlichen und privaten Verantwortlichen attackiert werden, sondern Baustoffe, allen voran der Beton.

Dabei kann der Beton gar nichts dafür. Er ist weder gut noch böse, wie Glas, wie Holz, wie Stahl. Daß der Beton seit der Erfindung des Portland-Zements im vorigen Jahrhundert unserer architektonischen Landschaft von Jahr zu Jahr stärker seinen Stempel aufdrückt, daß er heute von Tokio bis Island, vom Kap der Guten Hoffnung bis nach Wladiwostok im äußeren Bild unserer Zivilisation dominiert, liegt allein an seinen Vorzügen:

  • Beton ist für nahezu alle konstruktiven Bau-Projekte ein ideales Material, weil es unendlich formbar ist.
  • Beton widersteht den gewaltigsten Drücken.
  • Beton ist im höchsten Maße dauerhaft.
  • Beton ist überdies wirtschaftlich, also volkswirtschaftlich wertvoll, gleich ob er als Normal- oder Schwerbeton, ob er als Wasch- oder Spritzbeton, Leicht- oder Spannbeton verarbeitet wird.

Eduardo Toroja, der als Betonbauingenieur und Architekt berühmt gewordene Spanier, sagte 1961 kurz vor seinem Tode: „Der bewährte Beton stellt gleichzeitig die feinste und komplizierteste Erfindung unserer Tage dar. Mit ihm verläßt die Baukunst endgültig ihren sozusagen groben Charakter, der sie von anderen Techniken unterscheidet.“

Es zeugt also entweder von Unkenntnis, Ignoranz oder Verantwortungslosigkeit, wenn Journalisten, Politiker, Bürger den „phantastischsten Baustoff, den die Menschheit bisher zur Verfügung hatte“, zum Pappkameraden ihrer Zivilisationskritik wählen und allen Ernstes „Maßnahmen gegen ideenlose Betonklötze“ (so eine Zeitungsüberschrift) fordern. Erinnern die heutigen „Beton-Stürmer“ mit dieser Haltung nicht an den persischen König Xerxes, der in der Antike das Meer peitschen ließ, weil es seine Flotte im Sturm hatte scheitern lassen?