Genau ein halbes Jahr vor der Neuwahl des Bundespräsidenten hat sich in Bonn das Kandidatenkarussell in Bewegung gesetzt. Anlaß dafür ist Gustav Heinemanns Erklärung vom Mittwoch vergangener Woche, er werde nicht wieder kandidieren. Als möglicher Nachfolger wird an erster Stelle Walter Scheel genannt.

Die Verfassung gestattet eine einmalige Wiederwahl des amtierenden Bundespräsidenten. Beide Vorgänger Heinemanns, Theodor Heuss und Heinrich Lübke, wurden für eine zweite Amtsperiode gewählt. Der dritte Präsident der Bundesrepublik aber widersetzte sich unter Hinweis auf sein Alter dem Drängen der SPD, von dieser Möglichkeit Gebrauch zu machen.

„Ich werde im nächsten Jahr, so Gott will und ich lebe, 75 Jahre alt“, sagte er im Fernsehen. „Bei einer Wiederwahl stellt die Verfassung den Bundespräsidenten erneut in eine Amtszeit von fünf Jahren. Es ist ausgeschlossen, daß ich die Anforderungen dieses Amtes bis zum 80. Lebensjahr erfüllen könnte.“ (Heuss war, als er in den Ruhestand ging, 75, Lübke

Heinemann, der es „schlicht für ein Gebot der Vernunft“ hält, nicht wieder zu kandidieren, bat „alle die Mitbürger, die etwas anderes erwarten, um Verständnis“ für die Entscheidung. Die Bonner Parteien bekundeten Respekt für seinen Entschluß. Noch am Vortag hatten Bundeskanzler Brandt und der SPD-Fraktionsvorsitzende Wehner den Bundespräsidenten in einem zweistündigen Gespräch umzustimmen versucht.

Nach der öffentlichen Absage meinte Wehner: „Kein Zweifel, daß nun unbekümmert Kandidatenkarussell gefahren wird.“ Er unterließ jeden Hinweis darauf, daß etwa der nächste Präsident wieder ein Sozialdemokrat sein müsse, weil Heinemann sich im Gegensatz zu seinen Vorgängern von FDP und CDU der Wiederwahl nicht stellt. Auch der SPD-Pressedienst erhob in einem Beitrag zur Präsidentenwahl keinen Anspruch für die eigene Partei und stellte nur fest, daß niemand und keine Partei unter akutem Zeitdruck stehe. Die Union warnte davor, das Amt des Bundespräsidenten „als parteipolitische Domäne oder als koalitionspolitisches Handelsobjekt anzusehen“.

Die wichtigste Frage in Bonn lautet, ob der FDP-Vorsitzende Walter Scheel die Doppelfunktion von Parteiamt und Außenministerium trotz seiner angegriffenen Gesundheit beibehalten kann und will. Scheel muß sich Anfang Dezember einer erneuten Nierensteinoperation unterziehen. Erst danach will er sich zur Frage eines möglichen Umzugs in die Villa Hammerschmidt äußern. Zu den favorisierten Namen gehört auch Bundesarbeitsminister Walter Arendt (SPD). Für Arendt setzte sich besonders der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Heinz Kühn ein.

In der Bundesversammlung aus 1036 Abgeordneten des Bundestages und der Landtage verfügt die Bonner Koalition über 538 Mandate, die Union über 498. SPD und FDP würden somit einen gemeinsamen Kandidaten auch gegen den Widerstand der Union durchsetzen können. Die Bundesversammlung entscheidet Mitte Mai nächsten Jahres in geheimer Wahl.