Die Bundesregierung hat lange gebraucht, bis sie sich den Auswirkungen der Nahostkrise stellte. Lange ließ sie nur Beruhigendes vernehmen. Jetzt wundert sie sich, daß das Volk den allabendlichen Baldrian-Auftritten des Wirtschaftsministers auf dem Bildschirm Glauben schenkte und sich weder in Krisenstimmung noch in eine Sparpanik jagen ließ. Bonns Reaktion: Die Verbraucher sind an allem schuld, sie hätten es besser wissen müssen.

Solche Bürgerschelte ist schlicht eine Unverfrorenheit. Sie steht einer Regierung schlecht zu Gesicht, die es an jeglicher Voraussicht hat fehlen lassen – und deren Vorsteher lieber in Frankreich Urlaub machte, als mit Frankreich eine gemeinsame Strategie zu entwerfen, wie die Misere zu bewältigen sei.

Auf Krisenbewältigung, einst seine Stärke, scheint Willy Brandt diesmal nicht eingestellt zu sein. In der Diskussion über die Heinemann-Nachfolge ist das ein neuer Gesichtspunkt. Viele im Lande fragen sich, wiewohl noch leise: Wäre Brandt wirklich der richtige Kanzler für eine richtige Krise – deren Bewältigung nicht nur Überzeugungskraft, sondern auch Organisationstalent verlangt? Und: Wäre Helmut Schmidt notfalls gesund genug, die Öl-Ebbe ebenso zu meistern wie einst die Sturmflut? Th. S.