Von Robert Neundorf

Der Dichter Jean Paul glaubte, daß es der Kaffee sei, der „die Araber so feurig“ mache. In Wiener Freudenhäusern des 18. Jahrhunderts wurde gerne die dunkelbraune Flüssigkeit gereicht, um erschlaffte Lebensgeister wieder aufzufrischen. Prostituierte wurden damals in Österreich „Kaffeejungfern“ genannt.

Daß Bohnenkaffee eine potenz- und libidosteigernde Wirkung haben soll, ist ein heute nur noch selten gehörter Aberglaube. Der blutdrucksteigernde und herzanregende Effekt des im Kaffee enthaltenen Koffeins ist dagegen seit langem eine wissenschaftlich erwiesene Tatsache.

Nicht annähernd so sicher sind sich die Forscher bei der Beantwortung der Frage, ob Kaffee einen Herzinfarkt begünstigt oder nicht. Den Verdacht, daß es so sein könnte, gibt es seit den Anfängen der Herzinfarkt-Forschung. Erste statistische Vergleiche zwischen Kaffeetrinkern und Kaffee-Nichttrinkern schienen darauf hinzuweisen, daß starker Kaffeekonsum die Arterienverkalkung fördert. Dann kamen Studien, in denen ein solcher Zusammenhang als „nicht nachweisbar“ bezeichnet wurde. Vor ein paar Monaten veröffentlichte ein von Hershel Jick geleitetes amerikanisches Forschungsteam in Lancet und im New England Journal of Medicine zwei Arbeiten mit dem Ergebnis, daß die Wahrscheinlichkeit eines Herzinfarktes bei Kaffeetrinkern deutlich erhöht ist.

Um die Verwirrung komplett zu machen, brachte jetzt das Journal of the American Medical Association eine Studie des kalifornischen Wissenschaftlers Arthur Klatsky, die mit der Schlußfolgerung aufwartete: „Kaffeetrinken verursacht keinen Herzinfarkt.“ Während der Beobachtung von 464 Patienten über mehrere Jahre hinweg konnte Klatsky keinen Zusammenhang zwischen Kaffeekonsum und Herzinfarkthäufigkeit feststellen. Der Forscher entdeckte aber, daß starke Kaffeetrinker (mehr als sechs Tassen pro Tag) auch mehr Zigaretten rauchen als abstinente Versuchspersonen. Oder umgekehrt: Starke Zigarettenraucher sind häufig starke Kaffeetrinker. (Nur 9,7 Prozent der Nichtraucher tranken mehr als sechs Tassen Kaffee täglich, während 33,8 Prozent der Zigarettenraucher diesen Kaffeekonsum hatten.)

Kein Zweifel: Auf Klatskys Untersuchung werden weitere folgen: einige, die den Kaffee als Herzinfarkt-Risikofaktor ausweisen und einige mit dem Ergebnis, daß Kaffee kein Risikofaktor sei.

Wie es kommt, daß es so viele widersprüchliche Kaffeestudien gibt und weiter geben wird, analysierten unlängst die beiden Epidemiologen William Kannel und Thomas Dawber im New England Journal of Medicine. Beide waren Mitarbeiter an der berühmten Framingham-Langzeitstudie über Herzinfarkt-Risikofaktoren. Kannel und Dawber glauben, daß die Widersprüchlichkeiten vor allem dadurch entstehen, daß manche Forscher für ihre statistischen. Vergleiche nur Krankenhauspatienten nehmen und dann den Kaffeekonsum von Herzinfarktpatienten (vor der Erkrankung) mit dem von Patienten mit anderen Krankheiten verglichen. Diese Methode verwendete Hershel Jick für seine Studie und kam zu dem Ergebnis, daß Kaffeetrinker ein doppelt so hohes Infarktrisiko tragen wie Abstinente.