Kennedy und Johnson unter dem unheilvollen Einfluß der intellektuellen Ratgeber

Von Volker Mauersberger

Nicht einmal die Erinnerung an die scheinbar glanzvolle Zeit Kennedys kann heute in Amerika die Schatten von Watergate Vertreiben, und es wäre Selbstbetrug, würden sich ratlos gewordene Amerikaner angesichts der Korruption um die Nixon-Regierung nun in die angeblich heile, von mehr Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit geprägte Welt der Kennedys flüchten. An der Spitze amerikanischer Bestseller-Listen liegt ein Buch, welches deutlich das Versagen der Kennedys und des mit ihnen verbundenen Eastern Establishment der amerikanischen Ostküste beschreibt:

David Halberstam: "The Best and the Brightest"; Random-House, New York, 1973; 688 Seiten.

David Halberstam, deutschen Lesern durch seine Studie "Vietnam oder wie man den Dschungel entlaubt" bekannt, gehört zur intellektuellen Oberschicht Amerikas. Auch er ist einer jener "Besten und Gescheitesten", die durch Herkunft und Ausbildung privilegiert waren und die in John F. Kennedy ihren Mann erkannten: Halberstam ist ein Intellektueller der amerikanischen Ostküste, der auf sein Studium an der Harvard-Universität, auf Redaktionsjahre bei der New York Times und auf Korrespondentenposten wie Saigon, Leopoldville und Warschau verweisen kann – ein gebildeter Yankee, der auf die Cowboys des amerikanischen Westens mit Verachtung herabblickte. Um so mehr überrascht es deshalb, daß Halberstam in seinem neuen Buch seinen eigenen Stand kritisiert – und dies in einer Weise, die an den "Eierköpfen" um Kennedy, nicht viel Gutes übrigläßt.

Schon die Entstehungsgeschichte dieser Studie ist aufschlußreich genug: Halberstam sollte einen Artikel über McGeorge Bundy schreiben, den er als kenntnisreichsten Berater der Regierungen Kennedy und Johnson erlebt hatte und der ihm als Prototyp jener "best and brightest" erschien, mit denen sich insbesondere John F. Kennedy von Anfang an umgab.

Die Beschäftigung mit Bundy öffnete dem Journalisten die Augen: Wie leichtfertig der neue Präsident und sein Beraterstab mit der Macht umgegangen waren, wie arglos, hatte sich der Regierungsapparat in einen Krieg treiben lassen, der ein Jahrzehnt später noch nicht beendet sein sollte. Warum hatten sie den Rubikon überschritten? Diese Frage legte sich Halberstam immer wieder vor, als er nach vielen Gesprächen und nach Kenntnis bisher geheimgehaltener Protokollnotizen und schwerauffindbarer Dokumente das Machtgeflecht bloßzulegen suchte, das die amerikanische Außenpolitik Anfang der sechziger Jahre bestimmte.