Von Helmut Groß

In dem kleinen, ehemals weißgetünchten Raum, der eine verblüffende Ähnlichkeit mit dem Wartesaal eines vergammelten Provinzbahnhofs aufweist, dämmert ein Dutzend alter Männer auf unbequemen Holzstühlen in den Tag hinein. Die Fenster sind mit soliden Eisenstäben gesichert, und die Klinke an der Innenseite der Tür fehlt nicht etwa aus Schlamperei, sondern weil man verhindern will, daß einer der Grauhaarigen einfach hinausgeht. Es ist zu kalt, um die Fenster zu öffnen, ein penetranter Kot- und Uringeruch hängt in diesem freudlosen und kahlen Raum.

Kein Land der Bundesrepublik würde es wagen, seine Rechtsbrecher so unterzubringen. Doch Geisteskranke werden so untergebracht. Allein in Baden-Württemberg gibt es eine Reihe von psychiatrischen Landeskrankenhäusern, in denen Patienten unter katastrophalen räumlichen Bedingungen dahinvegetieren.

„Die Kultur eines Landes ist nicht an der Zahl seiner Fernsehempfänger oder seiner Autos und nicht am Zustand seiner Straßen, eher aber an der Qualität der Unterbringung der psychisch Kranken, der Geistesschwachen und Alten zu messen“, so sagte einmal der Leiter des Psychiatrischen Landeskrankenhauses Bad Schussenried (Baden-Württemberg), Professor Fünfgeld. Die Bundesrepublik ist zwar eine der reichsten Industrienationen der Welt, aber auf dem Gebiet der psychiatrischen Versorgung ist sie unterentwickelt.

Schon vor zehn Jahren hatte der damalige US-Präsident John F. Kennedy in einer Sonderbotschaft an das amerikanische Volk darauf hingewiesen, die seelischen Krankheiten würden zu unseren größten Gesundheitsproblemen gehören. Diese Feststellung ist heute aktueller denn je. In der Bundesrepublik wird die Zahl der behandlungsbedürftigen psychisch Kranken auf sechs bis neun Millionen geschätzt. Durch die Fortschritte in der Medizin, die das Leben von immer mehr Menschen verlängern, steigt der Anteil der hirngeschädigten und alterskranken Patienten in erschreckendem Maße. Den genannten Zahlen stehen schätzungsweise 115 000 „psychiatrische Betten“ gegenüber, davon rund 70 psychiatrische Landeskrankenhäuser mit 80 000 Betten.

Mit einer Bettenzahl im Bundesdurchschnitt von 1,8 pro tausend Einwohner verfügt die Bundesrepublik gegenüber anderen Staaten über kaum die Hälfte der von der Weltgesundheitsorganisation ermittelten Schlüsselzahl von 3,0. Die Schweiz und England haben einen Bettenschlüssel von 3,5, Schweden 4,2 und die USA 4,5 pro tausend Einwohner. Nicht nur die klinische, sondern auch die ambulante Betreuung psychisch Kranker stellt einen Notstand dar.

Nach einer Untersuchung der Gewerkschaft ÖTV aus dem Jahr 1972 sind die Fachärzte für Nerven- und Gemütsleiden lediglich in Ballungsräumen vertreten. Obwohl 30 000 Einwohner von einem Facharzt gerade noch ausreichend betreut werden können, gibt es genügend Fälle, in denen das Einzugsgebiet 150 000 Menschen umfaßt.