Auch drüben ein Hauch von Nostalgie

Von Marlies Menge

Berlin, ‚ im November

Auch Bürger der DDR sehnen sich zurück in gemütliche Plüsch- und Schnörkelzeiten: „Suche alten Schaukelstuhl, auch beschädigt“; „Junge Frau kauft Altes aus Omas und Opas Zeiten“; „Suche Möbel mit Schnörkel“ – das sind Wünsche, wie sie täglich in Anzeigen Ostberliner Zeitungen zu finden sind.

Westliche Besucher wissen es von Freunden aus Ostberlin: da wird man gebeten, ein bißchen Brokatlitze mitzubringen, nötig für die Renovierung einer billig erstandenen Fußbank, da begleitet man Kusine Barbara in eine heruntergekommene Altbauwohnung, um eine annoncierte Porzellan-Kaminuhr zu begutachten. (Obwohl die Kusine über gar keinen Kamin verfügt.) Und von einer Bekannten erfährt man, daß die Kollegin X sich ein Spinnrad zugelegt hat, und auch gleich, was man davon zu halten hat: „Die und ein Spinnrad! Die spinnt doch höchstens im Kopfe!“

Selbst der DDR-Kulturzeitung Sonntag fiel es auf: „Der Antik-Tick geht um“, mokierte sie sich, „wer sich nicht wenigstens mit einem Biedermeierstühlchen, einer Empireuhr, einer Barocktruhe oder einem Jugendstilväschen adelt, ist nicht ‚in‘.

Noch gibt es Angebote genug: „Verkaufe Sofa mit Schrankumbau, gedrehte Säulen und dazu passenden Kachelofen“, „Biete alten Schloßleuchter, zwölfarmig“, „Verkaufe Wäscheschrank und Doppelbett, Jugendstil“; „Antike Wanduhr, 18. Jahrh., selten schönes Stück“. Nicht nur wer „in“ sein möchte, liest es, gerät ins Träumen, wählt die angegebene Telephonnummer und taucht in ferne Welten, vergleicht Chippendale mit Barock und solches mit Biedermeier.