Der ägyptische Staatspräsident Sadat hat mit rebellischen Intellektuellen zu rechnen

Von Desmond Stewart

Über das heutige Ägypten weiß man in Deutschland, daß es sich mit Israel im Konflikt befindet; das eine oder andere über seine politische Struktur und seine touristischen Attraktionen; mehr kaum. Kulturell ist es Terra incognita. Einer der besten europäischen Kenner der zeitgenössischen arabischen Kultur ist der englische Schriftsteller Desmond Stewart, dessen Beitrag über den ägyptischen Schriftsteller-Konflikt wir hier veröffentlichen. Nach einem Studium an der Universität Oxford unterrichtete er acht Jahre lang englische Literatur an der Universität Bagdad, lebte dann im Libanon und in Ägypten und ist heute auf Zypern zu Hause. Er übersetzte zwei arabische Romane und viel arabische Lyrik, kennt viele arabische Politiker und Literaten persönlich und schrieb selber mehrfach über arabische Kultur, so die Roman-Trilogie „The Sequence of Roles“ und eine Geschichte des Nahen Ostens von der Eröffnung des Suezkanals bis zum Tode Nassers („The Temple of Janus“); zur Zeit arbeitet er an einer Biographie Theodor Herzls, die im kommenden Frühjahr in New York und London veröffentlicht werden soll.

Die anfänglichen arabischen Erfolge im Oktoberkrieg erregten im Westen allgemeine Überraschung. Die neue Vitalität des arabischen Geisteslebens – auf lange Sicht wichtiger als neues infanteristisches Geschick – hat sich noch nicht bemerkbar gemacht. Die Sprächbarriere, der relative Mangel an tüchtigen Übersetzern erklären den Umstand, daß eine Dichtung, die mindestens ebenso lebendig ist wie die Lateinamerikas, in Europa weithin unbekannt blieb; daß alle Aufmerksamkeit sich auf die politischen und ökonomischen Aspekte der Nahostkrise konzentriert, ist der Grund dafür, daß der arabische Kampf mit der Sprache darüber unbeachtet bleibt. Weil aber Schriftsteller wie Fathi Ghanem (dessen Quartett „Der Mann, der seinen Schatten verlor“ für Kairo unternimmt, was Lawrence Durrell für Alexandria tat) in Europa so gut wie unbekannt sind, wurde über den schwelenden und dann aufflackernden Konflikt zwischen Sadats Regierung und den führenden Schriftstellern Ägyptens in der ersten Hälfte dieses Jahres kaum irgendwo berichtet.

Ein kurzer Überblick über die intellektuelle Geschichte Ägyptens während der letzten hindert Jahre ist unerläßlich, selbst wenn solch ein Versuch tollkühn ist.

Eine satirische arabische Presse kämpfte in den frühen siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts gegen die Tyrannei und Korruption des Khediven (Vizekönigs) Ismail (der 1869 den Suezkanal eröffnet hatte). Auch die folgende britische Besetzung wurde kritisiert, ebenso die Monarchie, die das unabhängig gewordene Ägypten von 1922 bis zur Absetzung Faruks dreißig Jahre später beherrschte. Eine Laisser-faire-Wirtschaft brachte Zeitungen, Verlage und die Anfänge einer Filmindustrie hervor, die einzig um der Gewinne willen und oftmals von libanesischen Einwanderern betrieben wurden. Die Presse, ob satirisch oder seriös, führte einen unausgesetzten Kampf gegen die Zensoren und machte aus Kairo, einer manchmal korrupten, immer faszinierenden Stadt, die Stimme der arabisch sprechenden Welt. Die Vorrangstellung von al-Azhar, der tausendjährigen islamischen Universität, verlieh dem ägyptischen Arabisch die Führungsrolle in einem zerstückelten Nahen Osten, in dem jedes Land seinen eigenen Dialekt besaß.