Von Elisabeth Noelle-Neumann

Seit dem Ende der Ära Adenauer hat es in der Geschichte der Bundesrepublik dreimal einen parteipolitischen Klimawechsel gegeben. Im Jahre 1965 machte sich ein Gefühl der Ausweglosigkeit breit, immer größer wurde damals die Kluft zwischen den politischen Zielen und der Erwartung, sie zu erreichen. Dann waren 1969/70 weite Kreise der Bevölkerung zu einem Wechsel bereit; einem Machtwechsel in der Regierung, einem Abrücken von den alten Positionen in der Ostpolitik, bereit zur Versöhnung. Der Spannungsbogen, der damals entstand, ist jetzt, 1973, in seiner Kraft verbraucht. Die Großwetterlage verändert sich – dies macht der „Eisenbahntest“ der Meinungsbefrager über alle Zweifel deutlich.

Der Eisenbahntest ist entwickelt worden, um ein Umschlagen der öffentlichen Meinung sensibel’ beobachten zu können. Im Kern besteht der Test nur aus zwei Fragen. Die eine ermittelt den Standort des Befragten zu einer Person oder einer Sache: Einverstanden oder nicht einverstanden, dafür oder dagegen? Die zweite Frage lautet: „Angenommen, Sie hätten eine fünfstündige Eisenbahnfahrt vor sich, und jemand in Ihrem Abteil fängt an, über... zu reden. Würden Sie sich gern mit diesem Menschen unterhalten, oder würden Sie darauf keinen großen Wert legen?“ Gemessen wird, in welchem Anteil Anhänger und Gegner einer Person über diese Person reden wollen oder lieber schweigen, wie stark in zwei Lagern, die eine Sache befürworten oder bekämpfen, die Bereitschaft ist, sich zu exponieren.

Diesem Eisenbahntest liegt eine bestimmte Annahme zugrunde, wie ein Meinungsklima entsteht: daß Reden und Schweigen dabei eine wesentliche Rolle spielen und man daran wie an einem Barometer die Druckverhältnisse ablesen könne. Als soziale Wesen haben die Menschen die Gewohnheit, sich ihre Meinungen in einem ständigen Wechselspiel mit Beobachtungen über die Meinungen der Umwelt zu bilden. Sie registrieren, welche Meinungen vorherrschen, zunehmen, Zukunft haben (modern“ sind), welche Meinungen an Boden verlieren.

Glauben sie sich im Einklang mit der herrschenden oder anwachsenden Fraktion, so fühlen sie sich gestärkt und treten selbstbewußt auch außerhalb des Freundes- und Familienkreises („öffentlich“) für ihre Überzeugung ein. Meinen sie, daß sie in der Minderheit sind oder in die Minderheit geraten, so überprüfen sie ihre Überzeugung und schließen sich vielleicht der Mehrheit an, vor allem aber äußern sie sich weniger selbstbewußt, halten unter nur flüchtigen Bekannten oder Fremden eher ihre Meinung zurück.

Eine Veränderung der Rede- und Schweigebereitschaft war gleich nach der Bundestagswahl vom November 1972 zu beobachten. Das Thema, an dem sich die Geister schieden, um dessen Für und Wider das Ringen nach dem 19. November sofort einsetzte, war der Sozialismus. Das Wahlergebnis veränderte die Zukunftsperspektive. Das zeigte sich bei der Frage: „Manche Leute glauben, daß wir in der Bundesrepublik Deutschland langsam auf den Sozialismus hinsteuern, daß sozialistische Strömungen stärker werden und sich durchsetzen. Glauben Sie das auch, oder glauben Sie das nicht?“ „Das glaube ich nicht“, sagten 38 Prozent im August 1972, aber nur 31 Prozent im Dezember.

Zugleich erhöhte sich die Zahl der Unentschiedenen von 22 Prozent auf 28 Prozent – immer ein Symptom des Klimawechsels, wie zuerst Hofstätter 1949 in seinem Buch „Die Psychologie der öffentlichen Meinung“ festgestellt hat. (Alle in diesem Bericht zitierten Ergebnisse stützen sich auf Mehr-Themen-Umfragen des Instituts für Demoskopie Allensbach mit 1000 bis 2000 Interviews, repräsentativ für die erwachsene Bevölkerung – ab 16 Jahre, bei Fragen nach der Wahlabsicht ab 18 Jahre – im Bund mit Westberlin.)