Von Tratschke

Es ist ein uralter Glaube, daß die Toten Ruhe brauchen, ungestörten, geheiligten Frieden – nicht nur für sich selbst, sondern zugleich für die andern, die im Leben blieben. Totenseelen, die nicht zur Ruhe kommen, können den Lebenden zur Plage werden, indem sie sich rächen. für angetane Schmach, auch fürs Vergessenwerden, für mangelnde Wegbereitung in ein neues Leben. Ausgang für ein neues Leben, Warteraum, Behausung für die Totenseele, wo sie Ruhe finden soll, ist das Grab. Und zu allen Zeiten galt Grabfrevel als schweres Verbrechen.

In der königlichen Totenstadt von Byblos in Syrien drohten schreckliche Flüche jedem, der es gewagt hätte, einen Sarg zu öffnen. Auch in Ägypten, wo im Verlauf der Jahrhunderte mehrere Millionen Menschen mumifiziert worden sein sollen, war die Angst vor ruhestörenden Grabräubern groß. Aber weder Flüche noch raffinierte technische Sicherungen oder die Anlage von irreführenden Scheingräbern hinderten die Grabräuber am Eindringen. Heute werden die Mumien der Pharaonen, für deren ewige Ruhe einst so unvorstellbar viel Mühe aufgewendet wurde, Tag für Tag von schaulustigen Besuchern gestört.

Oft sind es religiöse Gründe, aus denen Tote um ihre Ruhe gebracht werden. Das gilt zum Beispiel für viele Heilige der christlichen Kirchen. Nicht selten wurden deren Gebeine mehrmals exhumiert oder gestohlen und als Reliquien stückweise verkauft, verschenkt, verehrt. Vor ein paar Jahren fand man angeblich die Gebeine des heiligen Petrus, und zwar in Rom, unter dem Hochaltar der vatikanischen Basilika (wo man sie wegen der Petrus-Tradition, aus der entscheidende Privilegien des Papsttums hergeleitet wurden, immer hatte finden wollen): die Knochen eines sechzig- bis siebzigjährigen kräftigen, untersetzt gebauten Mannes, dabei purpurfarbene, mit Goldfäden durchwebte Stoffreste. Dies alles in einer Holzkiste, die seit gut fünfzehn Jahren im Magazin der vatikanischen Grotten gestanden hatte.

Zuvor sollen die Knochen in einer Mauernische der sogenannten Sgraffiti-Mauer unter der Inschrift „Hier ist Petrus“ gewesen sein. Und davor im ursprünglichen Petrusgrab, von wo sie aus Furcht vor Reliquienräubern in die Mauernische umgebettet worden seien. Das behauptete jedenfalls die Entdeckerin, die römische Professorin für Epigraphik und Altertumskunde Margherita Guarducci, und Papst Paul VI. erklärte im Juli 1968: „Die Reliquien des heiligen Petrus sind auf eine Weise, die wir als überzeugend hinnehmen ’können, identifiziert worden.“ Ob es wirklich die Gebeine Petri sind, kann dennoch nicht als wissenschaftlich erwiesen gelten.

Nicht nur aus religiösen Gründen, auch aus politischen werden Tote um ihre Ruhe gebracht. Cicero zum Beispiel, der (43 v. Chr.) von politischen Gegnern bei Formiae ermordet wurde, sollte nach dem Willen seiner Feinde keine Ruhe finden. Deswegen wurde sein Leichnam verstümmelt, und als die abgehauenen Teile in Rom eintrafen, ließ Antonius sie über der Rednertribüne anbringen.

Strafe nach dem Tod