Von Arnim Bohnet

Es ist kein Geheimnis: Die Russen sind mit dem Stand ihrer wirtschaftlichen Entwicklung unzufrieden. Bereits im März verabschiedete das Zentralkomitee der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (ZK der KPdSU) „Maßnahmen zur weiteren Vervollkommnung der Leitung der Industrie“. Dieser Beschluß ist ein Indiz dafür, daß die Phase der Wirtschaftsreform noch keineswegs abgeschlossen ist. Wirtschaftliche Fragen spielen in der Politik der Sowjetunion nach wie vor eine dominierende Rolle. Das unterstreicht auch das offenkundige Interesse Moskaus an verbesserten wirtschaftlichen Beziehungen zu den wichtigsten Industrienationen der westlichen Welt.

Die Phase der Wirtschaftsreformen in der Sowjetunion begann mit Beschlüssen des ZK im Jahre 1965. Die offizielle Begründung trug damals Ministerpräsident Kossygin vor: Eine Reform sei notwendig geworden, weil die bisherigen Formen der Leitung und Planung nicht mehr den modernen technischen und ökonomischen Bedingungen entsprächen. KP-Chef Leonid Breschnjew meinte gar, daß die streng zentralistische Steuerung der Wirtschaft die Entwicklung der Produktivkräfte bereits bremse.

Die Spitzenpolitiker hatten sicher recht. Denn die Ausweitung der Produktion war bereits an ihre Grenzen gestoßen. So waren die Arbeitskraftreserven aus landwirtschaftlichen Regionen erschöpft. Modernere Produktionsverhältnisse, zunehmende Verflechtung und ein breiteres Güterangebot erschwerten zudem den zentralen Planungsinstanzen die entscheidende Aufgabe, richtig und widerspruchsfrei zu entscheiden.

Auch die Verbraucher wurden wählerisch. Plötzlich kauften sie nicht mehr alles und zu jedem Preis. Ihre Ansprüche waren differenzierter geworden. Bald gab es je nach Qualität oder Form der Ausführung unverkäufliche Lagerbestände, zugleich aber auch Warteschlangen. Die Planungsfunktionäre standen diesem Phänomen ziemlich hilflos gegenüber. Heute ist die Versorgung in Gütern des Grundbedarfs in den großen Städten ausreichend.

Doch Käuferschlangen bilden sich auch hier, sobald etwas Besonderes angeboten wird: Apfelsinen, modische Pullis oder Jeans, italienische Schuhe. Anders auf dem Land: Dort funktioniert die Versorgung nur begrenzt. Zum Kauf von Textilien, Hausrat, ja sogar Lebensmitteln, fährt man in die großen Städte, oft Hunderte von Kilometern weit.

Mit der Reform sollte die Wirtschaft so gestaltet werden, daß sich die Interessen der einzelnen Werktätigen und der Gesellschaft nicht widersprechen, und der Aufschwung des materiellen und kulturellen Lebensniveaus stimuliert wird. Das geeignete System: der schon von Lenin proklamierte demokratische Zentralismus.