Von Karl-Heinz Janßen

Solange im Nahen Osten geschossen wurde, herrschten wenigstens klare Verhältnisse. Aber in den Wochen bis zum 9. Dezember, an dem nach Willen der Russen-und Amerikaner eigentlich die Friedensverhandlungen zwischen Arabern und Israelis beginnen sollten, werden die diplomatischen Fronten unübersichtlicher denn je sein.

Sind sich Ägypten und Israel, nach dem ersten Händedruck zwischen den Generälen Yarif und Gamasi, nähergekommen, als sie nach außen vorgeben? Haben Russen und Amerikaner wirklich schon einen Friedensplan gemeinsam erarbeitet? Werden Gaddhafi und die Palästinenser-Kommandos bei der arabischen Vorkonferenz in Algier aus der Reihe tanzen? Setzt der ägyptische Staatschef Sadat zur Zeit mehr auf die Amerikaner als auf die Russen? Gelingt es Amerikanern und Europäern, die Einheitsfront der arabischen Ölproduzenten aufzubrechen? Der labile Zustand des „Weder Sieg noch Niederlage“ ist mit vielen Unwägbarkeiten belastet.

Die Herrscher in Kairo stehen unter dem Druck einer Öffentlichkeit und einer Armee, die allmählich das Ausmaß der Schlappe am Suezkanal erkennen und überdies gegen Friedensofferten aus Amerika äußerst empfindlich reagieren. Noch ist unvergessen, daß schon Kissingers Vorgänger Rogers den Ägyptern mehr versprochen hatte, als er halten konnte und die Ausweisung der russischen Berater vor zwei Jahren Sadat keinen Dank aus Washington einbrachte.

Im übrigen herrscht auch im arabischen Lager keine volle Einigkeit. Sadat scheint weniger kompromißlos als König Feisal von Saudi-Arabien. Syrer, Irakis und Jordanier haben jeder ihre eigenen Vorstellungen, und die Palästinenser schwanken noch, wem sie ihre fast schon verlorene Sache anvertrauen sollen.

Umstritten sind die Ziele ebenso wie die Taktik. Da sind auf der einen Seite König Feisal und die Ölscheichs, die durch unnachgiebigen ölboykott gegen die Freunde Israels das wiederzugewinnen trachten, was den Heeren Ägyptens und Syriens auf dem Schlachtfeld versagt blieb. Da sind auf der anderen Seite der Oberst Gaddhafi und die unter sich zerstrittenen Fedayin, die erst dann die Waffe aus der Hand legen wollen, wenn der letzte eingewanderte Israeli jenseits des Meeres verschwunden ist.

Zu einem guten Teil gibt bei Feisal und seinesgleichen für solche Härte sicher die Revolutionsfurcht den Ausschlag; sie wollen sich von keinem der revolutionären Regimes in Tripolis, Damaskus, Bagdad und Aden an panarabischer Leidenschaft übertrumpfen lassen. Aber noch anderes ist im Spiel. Ein so vernünftiger und vorsichtiger Herrscher wie Feisal hat einen Punkt erreicht, wo er primär aus religiösem Antrieb handelt: Der König möchte noch vor seinem Tode in der El-Aksa-Moschee in Jerusalem beten. Darum soll Israel den 1967 annektierten Ostteil der Heiligen Stadt sogar als allererstes herausgeben, nicht etwa erst in einem Jahr, wie Kissinger vorgeschlagen hatte, sondern binnen weniger Wochen. Seine Entschlossenheit, diesem Ziel durch rücksichtslosen Gebrauch der Waffe Öl näherzukommen, ist so überzeugend, daß der neue amerikanische Botschafter in El Riad nach seinem Antrittsbesuch düster bemerkte, der Westen täte gut daran, sich auf mehrere kalte Winter einzustellen.