Von Toni Kienlechner

In der Nähe der Spanischen Treppe in Rom, oder auch, gegen Mittag, im Café Greco in der Via Condotti, begegnet man häufig einem sehr alten Herrn, der aufrecht, bestimmt, mit hochmütigem, elfenbeinfarbenem Gesicht unter gelblich-weißen Haarsträhnen seines Weges geht. Alle wenden den Kopf, denn jeder kennt und erkennt ihn: Giorgio de Chirico.

Es ist für Journalisten, Kritiker, Salonbesucher und schlechthin Neugierige auch nicht sehr schwer, in seine Wohnung am Spanischen Platz vorzudringen und de Chiricos Bekanntschaft zu machen. Vor einigen Jahren war es noch schwieriger, nicht in ein Streit- oder Klatschgespräch über de Chirico verstrickt zu werden. Er machte so viel von sich reden, daß man darüber vergessen konnte, wer er eigentlich ist.

Darüber kann man sich nun unterrichten, und zwar durch den besten Zeugen, ihn selbst. Das Buch, das de Chiricos gesammelte (bisher weitverstreute) Schriften in deutscher Sprache enthält –

Giorgio de Chirico: „Wir Metaphysiker“ – Gesammelte Schriften, aus dem Italienischen von Anton Henze, herausgegeben von Wieland Schmied; Propyläen Verlag; Berlin 1973; 235 S., zahlreiche Abb., 98,– DM

ist zwar weder handlich noch billig. Aber entspricht es darin nicht der Person? Wer war je unhandlicher, schwerer zu behandeln als dieser majestätisch-geniale Starrkopf de Chirico? „Wir Metaphysiker“ – man sollte den Titel ruhig auch als „pluralis majestatis“ verstehen.

De Chirico in Wort und Malerei entstammt seiner selbsterfundenen Legende, einem Griechenland voller Mythen, die von der „Moderne“ geprägt sind. Es tut der Legende keinen Abbruch, wenn man sie aus de Chiricos Herkunft erklärt. Der Vater war ein Florentiner Ingenieur, der in Griechenland die ersten Eisenbahnlinien gebaut hat, die Mutter stammt aus Genua und brachte Verwandtschaften aus Spanien, Rußland, Deutschland ins Spiel. Alles trug dazu bei, dem jungen de Chirico eine Universalität zu verschaffen, die im provinzlerisch-selbstgenügsamen Italien der Vor- und Zwischenkriegszeit wenig Nahrung fand. Er fand sie im Paris der Surrealisten, in München bei Böcklin und Nietzsche und auf vielen Reisen. Nach Italien zurückgekehrt, fühlte sich der Maler durch die Fülle der Eindrücke zum Schreiben gezwungen, zu polemischen und poetischen Ausschreitungen, zu „motu propria“, zu anachronistischen Enzykliken, die päpstlicher sind als jeder Kunst-Papst sie gewagt hätte, grollend, zänkisch, hochmütig, oft vielleicht widersinnig, gewiß nicht einzubauen in die Chronik einer Kunstliteratur in Entwicklung.