Wall Street erlebte seinen „Schwarzen Freitag“. Am 9. November brachen in New York die Kurse zusammen. Der Dow Jones büßte über 24 Punkte ein, der Wochenverlust beträgt sogar 52 Punkte. Die sich verschlechternde Energieversorgung in den USA hat die Öffentlichkeit verschreckt. Die Frage ist, ob die ölabhängigen Industrien (Automobile und Zubehör, Chemie, Freizeit) tatsächlich in eine ernste Krise schlittern.

Sicherlich ist zur Zeit vieles überzeichnet. Die Nachrichten über Ölknappheit sind nicht neu. Wall Street-Broker sind allerdings Extreme gewöhnt. Wichtiger als die Analyse kurzfristiger Phänomene ist für sie die Ausschau nach technischen Signalen, die das Ende des Kurssturzes anzeigen. Trotz der augenblicklichen Verkaufsstimmung registriert die Investmentindustrie in den Vereinigten Staaten eindeutige Haussefaktoren:

  • Die Unternehmensgewinne stiegen über das erwartete Niveau. Das Wall Street Journal berichtet von einer Untersuchung der Gewinne bei 566 US-Gesellschaften. Danach liegt die durchschnittliche Gewinnzuwachsrate im III. Quartal dieses Jahres gegenüber der gleichen Vorjahresperiode um 32,6 Prozent höher und um ein Prozent über den Ergebnissen des II. Quartals 1973.
  • Die Zinseskalation ist zu Ende. Die Prime Rate, der Eckzins, den Banken erstklassigen Industriekunden berechnen, fällt seit einigen Wochen. Diese Tendenz spiegelt die internationale Zinssituation wider, die sich ebenfalls auf sinkendem Niveau bewegt.

Seit Beginn des Jahres hat sich der New Yorker Aktienmarkt dreigeteilt. In der ersten Gruppe stehen rund 50 hochbewertete, umsatzstarke „highflyer“, zu denen IBM und Xerox zählen; hier liegen die Kurs-Gewinn-Verhältnisse bei 30 bis 90. Zur zweiten Gruppe gehört die große Majorität niedrig notierender vernachlässigter Substanzwerte. Hier liegen die Kurs-Gewinn-Verhältnisse zwischen fünf und zehn. Bei der dritten Gruppe handelt es sich um die zahllosen Wachstumswerte, die auf dem Höhepunkt der Hausse von 1968/69 Schlagzeilen machten. Hier liegen die Kurse meist weit unter Ausgabepreis; Gewinne lassen sich im Durchschnitt nicht mehr erfassen.

Deutschen Anlegern bietet sich auf Grund der Währungsverschiebungen eine ideale Möglichkeit, preiswert in Standardwerte zu investieren. Das Währungsrisiko ist gering. Seit September zeigt die Handelsbilanz der USA wieder Überschüsse. Trotzdem sind die Konjunkturprognosen für 1974 zurückhaltend; denn hinzu kommt die Verunsicherung durch die Krise in Nahost und den Watergate-Skandal. Doch sind diese belastenden Faktoren in den Kursen schon weitgehend berücksichtigt. jfr.