ZDF, Freitag, 16. November: „Die Toten bleiben jung“, von Joachim Kunert

Jawohl, das ist zynisch: Da wird nun erklärt, man habe das Abendprogramm nicht zuletzt deshalb um eine halbe Stunde vorverlegt, damit die größtmögliche Anzahl von Bürgern, ihrer Sehgewohnheit entsprechend, in den Genuß wertvoller Darbietungen käme ... aber wenn sie dann kommen, diese Darbietungen von besonderem Rang, dann beginnen sie wie eh und je so spät, daß zumindest jene vom Genuß ausgeschlossen sind, die wie die Mütter und Lehrer im allgemeinen am Samstag zu arbeiten pflegen. Filme aus der DDR, Meisterwerke vom Range des „Goya“ Konrad Wolfs ... man zeigt sie endlich, aber wieder einmal nur für die kleine Elite der Spätaufsteher. (Oder der unermüdlichen Zimmermann-Fans, für die „Die Toten bleiben jung“ eine Art Präludium für die Durchgabe der ersten Ergebnisse ist.) Am Samstag um acht Millowitsch und Karl Bunje; Feuchtwanger und Anna Seghers. freitags zum Ausklang: So schätzt man das Publikum ein.

Da bleibt nur zu hoffen, daß die Reihe „Filme aus der DDR“ später noch einmal – vielleicht zur Samstagnachmittagszeit – wiederholt werden wird. Es läßt sich nämlich viel lernen am Beispiel dieser szenischen Dokumentationen: über das Selbstverständnis der DDR, ihre Bewertung der bürgerlichen Revolution, ihre Akzentuierung des Kulturerbes, über Veränderungen und Aufhebungen des sozialistischen Realismus, über Leitbegriffe und deren Wandel und über Tabus und deren Durchbrechung.

Wie reizvoll wäre allein ein Vergleich zwischen den Verfilmungen des Feuchtwangerschen „Goya“ und des Segherschen Epos „Die Toten bleiben jung“! Im Fall „Goya“: die Verwandlung eines durchaus konventionellen Romans in ein nahezu vertwegenes ben jung“ ein „Reader’s Digest“ im Ufa-Stil. „Goya“: dreiste Schnitte, Verstöße gegen die psychologische Wahrscheinlichkeit, Verzicht auf Handlung, Zurücknahme der Sprache (die Dialoge werden gleichsam „zerlöchert“), Bevorzugung von Gesten, die, höchst unnaturalistisch, über den Augenblick hinausweisen und die gesellschaftliche Quintessenz ziehen. Das Resultat: ein realistischer Film.

Dagegen „Die Toten bleiben jung“: konventionelle Schnittführung, Betonung des „Milieus“ (Hinterhaus gegen Schloß, Handkuß kontra Zärtlichkeit), naturalistische Dialoge (im Stil von „Du bist jetzt der einzige männliche Erbe“), bürgerliche Melodramatik. Wenn’s seelenvoll wird, singen die Geigen, bei pathetischen Stellen rauscht das Orchester. Das Resultat: eine oberflächliche Illustration von 25 Jahren deutscher Geschichte. Anna Seghers’ Roman – verzettelt und verspielt. Ein Registrieren von Personen, die – mit Ausnahme der Hauptfigur Mari Geschke – konturenlos bleiben, weil ihre Geschichte nicht miterzählt wird: Woher sie kommen und was sie denken. (Selbst der sozialdemokratische Arbeiter Geschke, Maris Mann, der noch den meisten Text sprechen darf, ist nichts weiter als ein redlicher Halb-Kommunist, der sich nicht so recht traut. Wieviel komplexer, auf ein paar Seiten geschildert, nimmt sich dagegen seine politische Biographie im Roman aus! Und Martin, der kommunistische Funktionär: im Film ein papierener Schatten; im Roman ein Mann, der in ganzen sechzehn Worten plötzlich greifbar wird: „Man muß die Kraft haben, jemand zu mißtrauen. Man muß die Kraft haben, jemand zu vertrauen.“

Kurzum, hier wird stückchenweise nacherzählt und Familiengeschichte wiedergegeben ... und auch das noch eher schlecht als recht. Die Rolle, die zum Beispiel der Bruder des Freikorps-Kämpfers Wilhelm Gabler spielt, der Invalide Christian, gewinnt in keinem Augenblick Anschaulichkeit: Ist er nun dafür oder dagegen – und wogegen und wofür eigentlich?

Und dabei gab es eine Szene in diesem Film, die zeigte, wie der Roman hätte umgesetzt weiden können, ohne an Tiefenschärfe und Prägnanz zu verlieren – im Gegenteil.