Die Behörden vertuschen das Ausmaß der Katastrophe

Von Heiko Gebhardt

Arabati ist ein Dorf in der äthiopischen Danakil-Steppe – nur zehn Flugstunden von Frankfurt entfernt. In Arabati sterben die Menschen am Hunger. „Siebenunddreißig waren es in den letzten zwei Wochen“, sagt der Dorfälteste, „aber jetzt geht es schneller. Wir haben unsere letzte Ziege geschlachtet.“ Ein Drittel der Dorfbewohner ist schon verhungert.

Arabati, das sind zwanzig Hütten, kralförmig angeordnet um einen staubigen Platz mitten, in der Wüste. Tiere gibt es nicht mehr, nur die Menschen halten noch aus; aber sie leben erbärmlicher als die Tiere. Männer und Frauen sind in Lumpen gehüllte Skelette, einige können sich nur noch kriechend fortbewegen. Die Brüste einer jungen Mutter hängen wie faltige Lappen schlaff und leer. Dennoch sucht ein Säugling dort Nahrung. Die Bäuche der Kinder sind aufgequollen. Es sieht aus, als könnten ihre fingerdünnen Beinchen diese Last nicht mehr tragen. Die Kinder haben die Kwashiokor-Krankheit, verursacht durch Eiweiß- und Vitaminmangel.

In Arabati kratzen die Frauen das Unkraut aus den Ritzen zwischen den Balken der Hütten, in die sie es einmal zum Abdichten, hineingestopft hatten. Sie kochen Brei daraus. Aber auch das Unkraut ist bald alle. „Was Sie hier in Arabati sehen“, sagt der deutsche Arzt Dr. Dietrich Schmoll, der uns hierhergebracht hat, „das finden Sie im Umkreis von 600 Quadratkilometern überall.“

Den deutschen Arzt haben wir in Dessie, der Hauptstadt der Provinz Wollo, kennengelernt. Er trägt einen zerknitterten Konfektionsanzug der billigsten Sorte. Seine Brille hat er sich mit einer Kordel am Kopf befestigt, damit sie nicht herunterrutscht. In der Hand hält er eine altmodische Schlägermütze. Er leistet hier in Äthiopien fast Übermenschliches.