Schleswig/Kiel

Hansens Gasthof im nordschleswigschen Tingleff platzte aus allen Nähten; einigen besonders volksbewußten Delegierten platzte der Kragen: Die deutsche Minderheit zwischen Krusau und Königsau hatte sich zwischen nationaler oder rationaler Politik zu entscheiden. Die Vernunft siegte, und mit dem Mute der Selbstverleugnung setzte die „Slesvigst Parti“ ihren Regionalmatador Jes Schmidt auf den ersten Listenplatz der in Dänemark neu gegründeten „Centrumsdemokrater“.

Von 253 stimmberechtigten Minderheitsvertretern sahen 61 damit die letzte deutsche Bastion nördlich der im Jahre 1920 gezogenen Grenze freiwillig aufgegeben. Ihnen ist der Preis zu hoch, der dieser Volksgruppe erstmals seit 1964 wieder den Einzug in den dänischen Reichstag, den Folketing, sichert. Und das überraschende Angebot des Zentrum-Führers Erhard Jakobsen war ihnen nur der Beweis dafür, daß noch immer etwas faul ist im Staate Dänemark.

In der Tat kam Jakobsens Offerte überraschend. Er ist dafür verantwortlich, daß Ministerpräsident Anker Jörgensen sich gezwungen sah, für den 4. Dezember Neuwahlen auszuschreiben. Jakobsen, den Eingeweihte für den heimlichen Herrscher über Jütland halten, hatte die Regierungspolitik, die ihm zu sehr nach links abzugleiten schien, nicht mehr mitmachen wollen. Die Chance schien günstig; denn als Antwort auf die steigende Popularität des „rechtskonfusen“ Mogens Glistrup und dessen „Fortschrittspartei“ (keine Steuern, kein Militär) wuchs das Kontingent der zur Mitte tendierenden Sozialdemokraten. Jakobsens Konzept einer proeuropäischen Politik, zwischen den sozialistischen EG-Gegnern und den bedingungslosen Europäern angesiedelt, fand Anklang: Erste Meinungsumfragen ergaben 18 Prozent für die Jakobsen-Jünger.

So hielt man es zunächst für ein Gerücht, daß diese chancenreiche Splittergruppe ausgerechnet der deutschen Minderheit ihren ersten Listenplatz anbot. Seit 1964 war die politische Vertretung der rund 20 000 Deutschen nördlich der Grenze an der Zwei-Prozent-Sperrklausel des dänischen Wahlgesetzes gescheitert. Mit einem neidischen Blick auf Schleswig-Holstein hatten die Deutschen in Dänemark immer wieder darauf hingewiesen, daß mindestens ein Abgeordneter ihres dänischen Pendants, des Südschleswigschen Wählerverbandes, unabhängig von einer derartigen Sperrklausel einen Sitz im Kieler Landeshaus erhält.

Doch die Dänen stellten sich schwerhörig und hielten die Minderheit hin – nicht zuletzt, weil die Deutschen keine Gelegenheit auslassen, ihren Sonderstatus zu unterstreichen. Nichts gegen die Bewahrung heimatlicher Sitten und Gebräuche auf fremdem Boden, doch allzu separatistische Demonstrationen wie das Knivsbergfest und das lästige Insistieren auf nationaler Vereinsmeierei dienen nicht gerade der Integration.

Die um Prestige ringenden Deutschen konnten hier nicht nein sagen. Doch so klar ist die Sache für beide Seiten freilich nicht. Vielen Deutschen mag der „Linksrutsch“ ihrer schleswigschen Partei an die Seite der (nach rechts zur Mitte gerutschten) Zentrums-Demokraten unheimlich sein; auch wenn Jakobsen den Deutschen versprochen hat, sie könnten nach der Wahl machen, was sie wollten. Tatsächlich gestattet das sehr liberale dänische Wahlgesetz derartige Winkelzüge, die dem Wähler indes die Entscheidung nicht gerade erleichtern.