Von Wolfram Siebeck

Wenn wir in diesen Tagen die Zeitungen aufschlagen, erfahren wir, daß wir in ein neues Zeitalter eintreten. Nie wieder wird es so sein, wie es noch bis gestern war; nie wieder wird es billiges Öl geben – wenn es überhaupt noch Öl gibt. Die Winter werden wieder kälter, die Wege länger. (Und die Post wird wieder teurer. Ehmke und die Araber – wer hätte das gedacht!) Weihnachten wird wieder so eine trostlose Angelegenheit werden wie früher, als es die aufwendigen Lichtdekorationen in den Einkaufsstraßen noch nicht gab. Schluß mit der Fettlebe! Wohlstand ade!

Was wir jahrzehntelang für erstrebenswert und selbstverständlich hielten, ist jetzt Luxus und Verschwendung: Schwimmbadtemperaturen von 26 Grad, Autos, die 200 km/st fahren, Autos überhaupt; Klimaanlagen in der Zigarrenkiste, Antifußpilzspray. Wie die Fromme Helene in plötzlicher Einsicht ("Ach, wie ist der Mensch so sündig! – Lene, Lene! gehe in dich!") den eitlen Trödelkram ins Feuer wirft ("Fort! Ihr falschgesinnten Zöpfe, Schminke und Pomadentöpfe"), so nehmen wir schon bei 120 km/st das Gas zurück. Freiwillig! Auch wenn demnächst auf den verkaufsoffenen Samstag ein autofreier Sonntag folgen sollte, wir machen mit! Sogar der sonst so berechnende Nachwuchs ist bereit, Opfer zu bringen. "Selbstverständlich nehmen wir einen Schulausfall an allen Samstagen in Kauf, wenn damit die Energiekrise gemildert werden kann!" versichern sie mir so spontan, daß ich ihnen verspreche, dafür an ihrem Taschengeld zu sparen.

Sonst noch jemand ohne Sparschwein? Wohin ich blicke, begeisterte Zustimmung, leuchtende Augen. Wenn sie alle nur mit einem Auge leuchteten, wäre das eine Energieersparnis von sieben Prozent. Tatsächlich! Für das große Ziel kneifen sie sofort ein Auge zu. Ein wunderbares Land! Wunderbare Menschen! Noch vor wenigen Wochen glaubte man, in der egoistischsten aller Konsumgesellschaften zu leben, zwischen Rallyefahrern und Stereofanatikern. Doch über Nacht wurde daraus eine Volksgemeinschaft, die lieber Ehekrisen und Familienkräche in ihren vier dünnen Wänden auf sich nimmt, als sonntags Benzin zu verbrauchen; die ihre morgendlichen Runden bei nur 24 Grad zu schwimmen bereit ist und Weihnachten bei Kerzenlicht verbringen will. Viele sind sogar zu totaler Energieeinsparung entschlossen: Sie verbringen den Winter auf Gran Canaria.

Schon wirken die Konsumaufforderungen, die verführerischen Inserate für Quadrophonie und Plastikmöbel ein wenig unwirklich. Zwar inserieren die Hersteller bis zum letzten Atemzug, so wie der angeschossene Gangster noch auf der Bahre den Polizisten sein "Scheißbullen!" zuflüstert; doch ihre Stunde ist gekommen. Als künftige Fußgänger und zuteilungsberechtigter Kleinstverbraucher bedürfen wir ihrer nicht mehr. Mit ihnen verschwindet automatisch auch. der Umweltschutz.

So geht die Systemveränderung ohne Zutun der professionellen Systemveränderer über die Bühne. Nicht das frierende Proletariat hat die Kulissen gestellt, sondern die Besitzer der Heimsaunas. Der Applaus gehört den Arabern; die Linken stehen frustriert am Ausgang und müssen zusehen, wie das Publikum angeregt den Saal verläßt. Als letzter geht der Souffleur, ein alter Herr mit weißem Bart, sein Textbuch unterm Arm: "Das Kapital." Es war ein lustiges Stück. Zum Lachen.